In den Fängen der Datenkrake

Total Trust. Deutschland, Niederlande 2023, Regie: Jialing Zhang, 97 Minuten, Kinostart: 5. Oktober 2023

Der Dokumentarfilm von Jialing Zhang zeigt auf, mit welchen Technologien die Volksrepublik China ihre Bürger kontrolliert. Im Zentrum stehen Menschenrechtsaktivisten mit ihren Familien, die zu Opfern eines modernen Überwachungsstaates werden, aber sich auch zur Wehr setzen.

Ein idyllischer Strand in China. Zijuan Chen und ihr kleiner Sohn Tutu genießen den Tag. Doch dann schreibt Tutu mit einem Stock in den Sand: „Vater, komm zurück.“ Der Junge hat seinen Vater Wei­ping Chang nicht mehr gesehen, seit dieser im Januar 2020 festgenommen wurde. Dem engagierten Menschenrechtsanwalt wird Anstiftung zur Untergrabung der Staatsmacht vorgeworfen. Er bezeichnet sich als unschuldig und berichtet in Tagebuchvideos über Folterungen. Seit seiner Festnahme wartet er auf einen Prozess, darf seine Familie aber nicht sehen.  

Die emotionsgeladene Strandszene gibt gleich zu Beginn einen klaren Hinweis auf die Ausrichtung des Dokumentarfilms der chinesischen Regisseurin Jialing Zhang, die in New York studiert hat und in den USA lebt. Ihr geht es weniger um die technischen Fähigkeiten des allgegenwärtigen Überwachungsstaates, sondern um dessen alltägliche Folgen für Bürger, vor allem für diejenigen, die das totalitäre Regime als Bedrohung betrachtet. 

Wichtig zu wissen: Jialing darf, seit sie 2019 an der kritischen Dokumentation „Land der Einzelkinder“ über das umstrittene Ein-Kind-Dogma mitwirkte, nicht mehr in die Volksrepublik. Ihren neuen Film konnte sie nur aus der Ferne mit Hilfe anonym bleibender mutiger Unterstützer drehen, die auch beim Hinausschmuggeln der Aufnahmen halfen. 

Persönliche Gegenwehr 

Der Film präsentiert in einer alternierenden Montage drei Erzählstränge um Engagierte, die sich trotz vieler Repressalien für die eigenen Rechte sowie für die Freilassung inhaftierter Angehöriger und anderer Regimeopfer einsetzen. Der erste Strang ist in Shenzhen angesiedelt, wo Zijuan Chen unermüdlich Petitionen an die Staatsmacht schreibt und Protestvideos gegen die Inhaftierung ihres Mannes veröffentlicht. Als sie mit ihrem Sohn 2000 Kilometer mit dem Auto zum Prozessauftakt gegen ihren Mann Weiping Chang fahren wollen, werden sie kurz vor dem Ziel gestoppt, angeblich weil sie aus einer Corona-Hochrisikozone kommen. 

Im zweiten Strang geht es um den Menschenrechtsanwalt Quanzhang Wang, seine Frau Wenzu Li und deren Sohn Quanquan. Während der Vater sich auch nach seiner Freilassung aus fünfjähriger Haft weiter für Menschenrechte engagiert, unterstützt sie ihn tatkräftig. Die Familie leidet darunter, dass Polizisten im Treppenhaus Überwachungskameras installiert haben. Als Wang eines Tages einer Einladung von EU-Diplomaten folgen will, blockieren die Bewacher die Wohnungstür. 

Der dritte Strang schildert, wie sich die Journalistin Sophia Xueqin Huang aus Guangzhou gegen Repressalien zur Wehr setzt. Seit sie Artikel über die Proteste in Hongkong und sexuelle Belästigung an Hochschulen geschrieben hat, wird sie systematisch überwacht. Als die Polizei eine Kamera gegenüber ihrem Wohnzimmer installiert, liest sie tagelang Abschnitte aus George Orwells Romanklassiker „1984“ vor. Die Journalistin beklagt den Trend zur Selbstzensur und träumt von einem Studium in Großbritannien. Jenseits dieser individuellen Fälle beleuchtet der ebenso kenntnisreiche wie sehenswerte Film auch, wie das Regime rücksichtslos hochmoderne Technik wie künstliche Intelligenz, Gesichtserkennung, Stimmenanalyse oder Systeme zur Bewertung des Sozialverhaltens der Bevölkerung erprobt und einsetzt, um die Bürger jederzeit noch effektiver zu überwachen. So erfährt man aus einem Propagandavideo, dass das China Skynet Project 170 Millionen Video-Überwachungskameras nutzt. Binnen drei Jahren sollen 400 Millionen Kameras hinzukommen.

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