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Armut ist weiblich

Chancengleichheit für Frauen fördert wirtschaftliche Entwicklung

Von Gesine Wolfinger

Beseitigung extremer Armut und Gleichstellung der Geschlechter – diese beiden Millenniumsziele hängen eng zusammen. Die Stärkung von Frauen kommt der gesamten Gesellschaft zugute.

Sie versorgen den Haushalt, kümmern sich um Kinder, Kranke und Alte und bekommen dafür kein Geld. Sie bewirtschaften kleine Felder mit geringen Erträgen und halten ihre Familien mühsam über Wasser. Sie haben schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, und wenn sie eine Stelle bekommen, verdienen sie trotz gleicher Qualifikation oft weniger als Männer. In vielen Ländern des Südens – aber nicht nur dort – sind Frauen noch immer vielfach benachteiligt.

Doch die geschlechtsbedingte Ungleichheit schadet nicht nur den Frauen. Sie geht zu Lasten der gesamten Gesellschaft. Umgekehrt ausgedrückt: Wenn es gelingt, die Benachteiligungen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu verringern, verdienen sie mehr und das Familieneinkommen steigt. Zugleich macht der Abbau von Barrieren Frauen wirtschaftlich selbstständiger und trägt zu ökonomischem Wachstum sowie zur Reduzierung von Armut bei. Davon profitieren alle – auch Kinder, Männer und ältere Menschen.

Joana Costa und Elydia Silva vom „International Poverty Centre“ haben sich zwei Aspekte geschlechtsbezogener Ungleichheit genauer angesehen: den Zugang zu bezahlter Arbeit und die Unterschiede in der Bezahlung. Ausgangspunkt ihrer Studie (siehe Kasten) ist die Arbeitsmarktsituation in Argentinien, Brasilien, Chile, El Salvador und Mexiko. In allen fünf Ländern lag die Beschäftigungsquote von Frauen unter 62 Prozent, bei Männern über 84 Prozent. Pro Stunde erhielten die Frauen für die gleiche Arbeit durchschnittlich nur 80 Prozent des Verdienstes von Männern.

Welche Auswirkungen hätte eine Beseitigung dieser Ungleichheiten? Costa und Silva entwerfen zwei Szenarien. In einer ersten Simulation gehen sie davon aus, dass Frauen und Männer in gleichem Maße Zugang zum Arbeitsmarkt haben, während die Gehaltsunterschiede bestehen bleiben. Die zweite Simulation behält die ungleichen Beschäftigungsquoten bei, legt aber für Frauen und Männer mit gleicher Qualifikation dasselbe Einkommen zu Grunde.

Beide Szenarien bewirken eine Erhöhung und eine neue Verteilung des gesamtgesellschaftlichen Einkommens. Costa und Silva sehen deshalb „starke empirische Hinweise“, dass geschlechtsbezogene Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt ein Hindernis für Armutsbekämpfung ist. Die beiden Wissenschaftlerinnen fanden zudem, dass der Abbau von Zugangsschranken zum Arbeitsmarkt deutlich stärker zur Armutsreduzierung beitragen würde als die gleiche Bezahlung für Frauen und Männer.

„Wenn sich Frauen in gleichem Maße aktiv am Arbeitsleben beteiligten wie Männer, würde die Armut in Argentinien und Brasilien um mindestens 25 Prozent gesenkt, in Chile sogar um 41 Prozent. Würde lediglich die unterschiedliche Bezahlung abgeschafft, betrüge der Rückgang der Armut zwischen 1,1 Prozent in Chile und zehn Prozent in Brasilien“, erklären Costa und Silva.

Hinzu kommt: Wenn Frauen in gleichem Maße aktiv auf dem Arbeitsmarkt wären wie Männer, würde der Gini-Koeffizient als Maß der Ungleichheit in allen fünf untersuchten Ländern um rund fünf Prozent sinken. (Der Gini-Koeffizient liegt zwischen dem theoretischen Wert 0 – das heißt. alle verfügen über das gleiche Einkommen – und dem gleichermaßen theoretischen Wert 100 – ein Land beziehungsweise eine Person eignet sich das gesamte Einkommen an.) Auch das wirtschaftliche Wachstum würde angeregt, betonen Costa und Silva. Die Wachstumsraten des durchschnittlichen Einkommens variierten zwischen sechs Prozent in Brasilien und elf Prozent in El Salvador, wenn es keine geschlechtsspezifischen Zugangsschranken zum Arbeitsmarkt gäbe. Ohne Diskriminierung beim Verdienst stiege das Durchschnittseinkommen zwischen zwei Prozent in El Salvador und acht Prozent in Brasilien.

Das Fazit von Costa und Silva: Die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt muss vorrangig gefördert werden. Dadurch lassen sich Armut und Ungleichheit am schnellsten und wirkungsvollsten bekämpfen. Das setzt allerdings den Abbau einer Vielzahl von Barrieren voraus. Mädchen und Frauen müssen uneingeschränkt Zugang zu Schulen und Ausbildung erhalten und Männer müssen sie von unbezahlter Arbeit entlasten.


Gesine Wolfinger
ist Redakteurin bei „welt-sichten“.

welt-sichten 1-2008