Kein Platz mehr frei im Flut-Schutzbau
Trotz Verbesserungen reicht die Katastrophenvorsorge in Bangladesch nicht aus
Von Klaus Sieg
Der Zyklon Sidr hat Ende 2007 eine Schneise der Verwüstung im Süden von Bangladesch hinterlassen und viele Menschenleben gefordert. Doch es sind weniger Tote zu beklagen als bei vergleichbar schweren Wirbelstürmen der Vergangenheit. Ein Erfolg der Katastrophenvorsorge?
„Nie hätte ich solche Wassermassen für möglich gehalten.“ Hosnera Zafor steht unter einer Palme, unsicher sucht sie Halt an den langen Blättern. Neben ihr liegen ein Stoß zersplitterter Bretter und einige Stücke Wellblech. Viel mehr hat der Wirbelsturm Sidr vom Haus der Familie nicht übrig gelassen. Der Weg dorthin führt durch eine apokalyptische Landschaft. Palmenstümpfe ragen in den Himmel.Überall liegen umgestürzte Bäume, in deren Äste sich Fischernetze, Hosen, Kleider und Decken verfangen haben. Alles ist mit einer grauen Schicht aus getrocknetem Schlamm überzogen.
Der Zyklon hat alles zerstört in dem Dorf Southkali im äußersten Süden von Bangladesch: Er hat die aus Lehm,Holz,Palmblättern oder Wellblech gebauten Hütten dem Erdboden gleichgemacht, hat Brücken zerfetzt, Wege aufgewühlt und hausgroße Löcher in die Deiche gerissen. Um die 500 Menschen sind in dem Dorf ums Leben gekommen. Hosnera und ihr Mann haben ihre beiden Töchter verloren.„Das Wasser hat sie einfach mit sich gerissen“, sagt Hosnera und blickt apathisch auf den zerfurchten Boden.
Mitte November vergangenen Jahres fegte Sidr mit Geschwindigkeiten von bis zu 240 Stundenkilometern über Bangladesch.Von der Küste im Süden schlug er eine siebzig Kilometer breite Schneise der Verwüstung durch das Land. Wie viele Menschen dem Sturm zum Opfer gefallen sind, ist noch immer unklar. Die Behörden sprechen von mindestens 5000 Toten. Betroffen sind die Ärmsten der Armen. Sie lebten und leben in Hütten in Küstennähe. Hinter einfachen Deichen aus gestampftem Lehm, die selbst in „normalen“ Zeiten immer häufiger überspült werden. Doch den Menschen bleibt gar nichts anderes übrig, als hier zu siedeln. Die 150 Millionen Einwohner von Bangladesch müssen mit einer Fläche auskommen, die nur halb so groß ist wie Deutschland.
Weitaus mehr Zerstörungen als der Wind hat die Flut hinterlassen, die bis zu fünf Meter über die normale Tide stieg.Vor allem Alte und Kinder sind darin ertrunken, auch eine große Zahl Frauen, die nicht die Kraft hatten, sich wie viele der Überlebenden mehrere Stunden in den Wipfeln von Palmen festzuklammern.
Sidr ist gemessen an seiner Heftigkeit vergleichbar mit den Wirbelstürmen 1970 und 1991, durch die in Bangladesch ein halbe Million beziehungsweise 138.000 Menschen ums Leben kamen. Die Zahl der Opfer ist dieses Mal also vergleichsweise niedrig. Das liegt vor allem an einem verbesserten Frühwarnsystem. Bereits mehrere Tage bevor der Wirbelsturm losbrach, wurden Warnungen über Radio- und Fernsehstationen verbreitet. Wer dazu keinen Zugang hatte, erhielt häufig einen Anruf auf seinem Mobiltelefon, von besorgten Verwandten oder Freunden aus der Stadt. Rund 24 Stunden vor dem Sturm fuhren vor allem Mitarbeiter von nichtstaatlichen Organisationen mit Booten, Motorrädern oder Autos durch die betroffenen Regionen und forderten die Bewohner auf, sich in Sicherheit zu bringen.
Aber nicht alle erhielten diese Warnungen – und nicht alle nahmen sie ernst. „Um sieben Uhr abends begann es immer schlimmer zu stürmen“, sagt Hosnera und zieht wieder an den Palmenblättern. „Doch wir wollten das Haus nicht verlassen, weil wir Angst um unsere Sachen hatten.“ Dann war es zu spät. Die meisten Bewohner ihres Dorfes hatten sich schon längst auf den Weg zu den Schutzbauten gemacht. Diese Flut-Schutzbauten sind einfache, robuste Gebäude aus Beton, die auf massiven, mehrere Meter hohen Pfeilern errichtet sind. In Southkali steht so ein Schutzbau. In dem Betonbau und in einem Nebengebäude, einer massiv gebauten Grundschule mit einem höher gelegenen Stockwerk, fanden rund 1000 Menschen Schutz.
„Beide Gebäude waren vollbesetzt, bestimmt zweitausend Menschen haben versucht, noch Plätze zu ergattern – sie mussten wieder gehen“, berichtet Abu Rob. Der junge Mann gehört zum Komitee, das für die Pflege und Verwaltung des Schutzbaus zuständig ist. In Southkali lebten vor der Katastrophe 2500 Menschen.Weitere 3500 hatten ihr Zuhause in drei kleinen Dörfern in der Umgebung. Auch für sie waren die beiden Betongebäude die einzige Zufluchtsstätte. Eigentlich wäre hier also Platz für 6000 Menschen nötig gewesen.
In Bangladesch gibt es fast 4000 Flut-Schutzbauten. Die meisten wurden Mitte der 1990er Jahre errichtet, unter anderem mit Hilfe der Weltbank und der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau. Ein Viertel stammt aber noch aus den sechziger und siebziger Jahren. Fast 1500 der Schutzbauten sind heute nicht mehr funktionsfähig. Sie wurden nicht in Stand gehalten oder unterspült, bei Überschwemmungen oder durch Flüsse, die ihren Verlauf geändert haben. Die verbleibenden Gebäude bieten Platz für 1,5 Millionen Menschen. Nötig wäre in der Küstenregion aber gut die doppelte Kapazität. Nach Angaben des Roten Halbmondes in Bangladesch hätten durch eine ausreichende Zahl von Flut-Schutzbauten sehr viel mehr Menschenleben gerettet werden können. Die Organisation mahnte deshalb den verstärkten Bau solcher Einrichtungen an. Angesichts der Folgen des Klimawandels würden sie immer dringender benötigt. Der Rote Halbmond selbst will in den nächsten drei Jahren 500 Flut-Schutzbauten errichten.
Der Zyklon hat nicht nur Hütten und Infrastruktur zerstört, sondern auch Vorräte und Trinkwasserteiche. Die Menschen mussten schnell mit Nahrung, Trinkwasser und Kleidung versorgt werden. In einigen Regionen lief die Nothilfe sehr zügig an. Das ist vor allem der Arbeit vieler lokal verwurzelter Hilfsorganisationen zu verdanken. Bereits am zweiten Tag nach der Katastrophe hatten zum Beispiel Helfer von Prodipan, einer Partnerorganisation von „Brot für die Welt“ und der Diakonie Katastrophenhilfe, in einige der von der Außenwelt abgeschnittenen Dörfer Notrationen aus Puffreis, Keksen und Dattelmelasse gebracht.
Prodipan war in vielen Siedlungen die erste Hilfsorganisation nach der Katastrophe. „Uns bot sich ein fürchterliches Bild“,berichtet Teamleiter Ameer Ashraf.„Die Menschen liefen völlig verwirrt und traumatisiert umher, suchten ihre Angehörigen oder wühlten in den Trümmern nach etwas zu essen.“ Nur mit kleinen Booten und Motorrädern konnten die Helfer zum Beispiel bis nach Southkali vordringen. Doch einige Tage später gelang es der Organisation, auch mit größeren Booten Reis und Linsen anzuliefern.
Die Marine brachte ebenfalls erste Hilfe für die entlegenen Siedlungen, die zum Teil auf vorgelagerten Inseln liegen. Die Streitkräfte genießen noch aus der Zeit des Befreiungskrieges gegen Pakistan ein hohes Ansehen in Bangladesch. Durch spektakuläre Hilfseinsätze versuchte das Militär, dieses Ansehen noch zu steigern.Nicht alle diese Einsätze waren effizient. „Viel mehr als ein paar Kartons mit Puffreis bringen die nicht mit“, sagt ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation im stark zerstörten Hafenstädtchen Shoronkhola. Hinter ihm landet ein Armee-Hubschrauber auf einem freien Feld. Die bunten Sarongs der Frauen flattern im Wind der Rotorblätter. Kinder toben über das Feld, bis Soldaten sie hinter die Absperrung scheuchen.
So etwas bringt gute Fernsehbilder. Rund eine Woche nach der Katastrophe setzte jedoch die Kritik an der Arbeit der Regierung ein. In einigen Dörfern war selbst zu diesem Zeitpunkt noch keine Hilfe angekommen. Die Konzentration von Regierung, Hilfsorganisationen und Medien auf einige wenige Orte führte dazu, dass auch private Initiativen vor allem dort aktiv wurden. Religionsschulen,Vereinigungen von Geschäftsleuten oder Privatleute stellten Lastwagen mit Reisladungen,Wasserflaschen oder Bekleidung zusammen und fuhren sie ins Katastrophengebiet. Die wenigsten dieser privaten Initiativen kooperierten mit den lokalen Behörden. So kam es zu einer sehr ungleichen Verteilung von Hilfsgütern.
An einigen Verkehrsknotenpunkten herrschte das reine Chaos.Zum Beispiel an der Fähre über den Fluss Panguchi, der einzigen Verbindung für Lastwagen und PKW in die Region Southkali. Der Wirbelsturm hatte das Fährschiff auf das Ufer gedrückt und dabei schwer beschädigt. Erst nach einigen Tagen traf die Ersatzfähre ein. Als sie ihren Betrieb aufnahm, bildete sich schnell ein dichtes Knäuel aus Lastwagen, PKW, Rikschas, Fahrrädern und Fußgängern auf dem Ableger. Auch die Fahrzeuge der internationalen Hilfsorganisationen steckten fest. Es kam fast zu Schlägereien. Die wenigen Polizisten vor Ort stießen ab und zu in ihre Trillerpfeifen und gestikulierten hilflos mit ihren Schlagstöcken. Erst das beherzte Einschreiten einiger ziviler Helfer ermöglichte das Beladen der Fähre.
Der Zyklon hat nach ersten Schätzungen über 300.000 Hütten zerstört. Hilfsorganisationen wie Prodipan hatten in den vergangenen Monaten befestigte Hütten für einen Teil der ärmsten Bewohner gebaut, die ihnen Schutz bei Stürmen und Überschwemmungen bieten sollten. Ein Teil dieser mit Betonpfeilern, Blechdächern und Ziegelsteinfundamenten ausgestatteten Hütten überstanden den Wirbelsturm. Jedoch längst nicht alle. Aber kann man überhaupt Hütten bauen, die derartigen Naturgewalten standhalten? Auch wurden in den vergangenen Jahren viele der aus gestampftem Lehm gebauten Deiche erhöht und gefestigt. Wie notwendig sie sind, verdeutlicht das Ausmaß der Zerstörung dort, wo sie nicht gehalten haben.
Hilfe werden die Menschen im Süden von Bangladesch noch lange brauchen – auch im Kampf gegen die alltäglichen Konsequenzen des Klimawandels, wie zum Beispiel die Versalzung ihres Ackerlandes. Gefragt sind vor allem die Industrieländer. Denn Hosnera und ihre Nachbarn haben den Klimawandel nicht verursacht. Sie haben nie ein Auto besessen – und sie werden wahrscheinlich auch nie eines besitzen. Genauso wenig, wie sie sich eine Waschmaschine, einen Kühlschrank oder eine Flugreise werden leisten können.
Klaus Sieg
ist freier Journalist und Partner
der Agentur „agenda-fototext“
in Hamburg.
