Seite drucken        Seite schlie?en 

 

welt-sichten

welt-sichten bestellen

Suche

welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

Login

Login

Newsletter



Newsletter absenden

welt-sichten


Keine bloßen „Stammesgemetzel“

Der Gewalt in Kenia liegen auch wirtschaftliche Konkurrenz und politische Manipulationen zu Grunde

Von Rolf Hofmeier

Die Verkündung eines offensichtlich manipulierten Wahlergebnisses hat in Kenia ein völlig überraschendes Ausmaß von Gewalt ausgelöst. Vielfach wurde es als Ausbruch atavistischer Feindschaften zwischen verschiedenen Stämmen dargestellt. Das ist grob verkürzt und Warnungen vor einem Völkermord sind unangebracht.

Ohne Frage spielt die Ethnizität, also die Zugehörigkeit zu verschiedenen Volksgruppen, in Kenia von jeher in der Politik eine wichtige Rolle. Das wird in der Öffentlichkeit auch offener als in vielen anderen Ländern Afrikas thematisiert. In der Regel versuchen ethnisch-regionale Gruppierungen, komplexe Allianzen im Wettbewerb um die nationale Macht zu bilden. Denn keine einzelne Ethnie ist zahlenmäßig stark genug, um sich allein gegen alle anderen durchsetzen zu können. Auf dieses Spiel, bei dem die Gefolgschaft politischer Führer weitgehend auf ethnischer Identifikation und Mobilisierung beruht, war auch der gesamte vergangene Wahlkampf ausgerichtet. Brutale interethnische Gewalttaten waren aber speziell nach der erfreulichen Erfahrung mit den Wahlen 2002, bei denen das autoritäre Moi-Regime abgelöst worden war, nicht abzusehen. Allerdings war es im Vorfeld der Wahlen 2007 auf lokaler Ebene wochenlang zu Kämpfen zwischen verschiedenen Volksgruppen gekommen, unter anderem angeheizt von ambitionierten lokalen Politikern.

Begünstigt wird das von wirtschaftlicher Konkurrenz und von Vorurteilen zwischen den Ethnien. Besonders virulent sind die Konfliktpunkte dort,wo Angehörige anderer Ethnien in traditionell homogene ethnische Siedlungsgebiete zugewandert sind und Konkurrenz um Land entstanden ist – das gilt besonders für die Provinz Rift Valley. Hinzu kommt, dass Kikuyu als Händler und Geschäftsleute in größeren Ortschaften des ganzen Landes dominieren oder zumindest als dominierend wahrgenommen werden.

Unbestreitbar gibt es auch tief verwurzelte Vorurteile zwischen verschiedenen Volksgruppen, insbesondere zwischen Kikuyus und Luos. Andererseits kann ethnische Identität und Solidarität für ärmere Bevölkerungsgruppen ein wichtiger Rückhalt sein, auch für ihre Selbstachtung. Zwar gibt es in Kenia – stärker als in vielen anderen afrikanischen Ländern – eine städtische Schicht, für die all dies keine Rolle spielt. Dennoch können in Zeiten aufgeheizter politischer Spannungen ethnische Vorurteile große Sprengkraft entfalten.

Die jüngste Wahl hat das Zusammenwirken dieser Mechanismen gezeigt. Nach komplexen Koalitions- und Abgrenzungsmanövern im Laufe des Jahres 2007 standen sich zwei große Bündnisse gegenüber: das von Kikuyus dominierte Lager des Präsidenten Kibaki, unterstützt auch von der früheren Regierungspartei KANU, sowie eine sorgfältig austarierte Allianz von Politikern der wichtigsten anderen Ethnien unter Führung des Luos Odinga vom Orange Democratic Movement (ODM). Eine Abspaltung der ODM trat als weniger bedeutende dritte Kraft an.

Bei den Wahlen zum Parlament gewannen die ODM 48 Prozent der Mandate, Kibakis Partei und die KANU zusammen 28 Prozent, die ODM-Abspaltung lediglich 8 Prozent (der Rest entfiel auf Splitterparteien, von denen viele Kibaki unterstützen). Diese Ergebnisse wurden von keiner Seite bestritten. Bei der inoffiziellen, aber landesweit von den Medien veröffentlichten Aggregierung der Zwischenergebnisse für die Präsidentschaftswahl lag Odinga zwei Tage lang ebenso deutlich in Front. Umso schockierender war es, als Kibaki offiziell zum Sieger ausgerufen wurde. Dies erklärt zumindest zum Teil, dass die Wut der ODM-Anhänger in spontane Gewalt gegen das Kibaki-Lager und damit generell gegen Kikuyu umschlug. Viele Menschen sahen sich um die Chance betrogen, die Machtkonzentration in Händen der Kikuyu-Elite zu beenden.

Die größten Gewaltexzesse gab es im Rift Valley, wo sich die lange aufgestaute Aversion der ansässigen Kalenjin gegen die vielen zugewanderten Bauern und Händler der Kikuyu entlud. Weitere Brennpunkte waren die ethnisch gemischten Slums von Nairobi und Mombasa, aber auch Kisumu, das Zentrum des Siedlungsgebiets der Luo. Die Gewalttäter waren überwiegend junge Männer, die die Gelegenheit zu brutaler Randale und zu Plünderungen nutzten. Der politische Anlass wurde zum Zünder für die Entladung latenter Spannungen in den armen Vorstädten. Die tragische Folge des manipulierten Machterhalts der Kikuyu-Elite um Kibaki war, dass ganz überwiegend Kikuyus außerhalb ihrer angestammten Zentralprovinz Opfer der Gewalt wurden. Auch Kikuyus, die wegen seines stärker auf sozialen Ausgleich gerichteten Programms für Odinga gestimmt hatten, gerieten in den Strudel.

Insgesamt ist die Gewalteskalation also keineswegs auf eine quasi naturbedingte Feindschaft der verschiedenen Volksgruppen zurückzuführen. Sie ist vielmehr das verhängnisvolle Resultat einer Vermischung politischer und ökonomischer Machtkämpfe vor dem Hintergrund einer weiterhin starken ethnischen Identifikationskraft.


Prof. Rolf Hofmeier
ist Experte für Ostafrika und war von 1976 bis 2000 Direktor des Instituts für Afrika-Studien in Hamburg. 

welt-sichten 1-2008