Präziser Blick auf Lateinamerika
Romeo Rey
Geschichte Lateinamerikas
vom 20. Jahrhundert
bis zur Gegenwart
C.H. Beck Verlag, München 2006,
284 Seiten, 14,90 Euro
Die einhundertjährige Geschichte eines ganzen
Kontinents auf 270 Seiten unterzubringen ist keine
leichte Aufgabe. Romeo Rey hat sie gemeistert. Dabei
mag das Urteil bei denen, die sich zum ersten
Mal mit Lateinamerika beschäftigen, anders ausfallen
als bei Kennern des Kontinents. Denn Rey listet
nicht einfach chronologisch Daten und Ereignisse
auf. Dem eigenen Interesse folgend arbeitet er Gemeinsamkeiten
in der politischen, wirtschaftlichen
und sozialen Entwicklung der einzelnen Länder heraus,
sichtet und verfolgt rote Fäden.
Rey bringt seine Erfahrungen und Kenntnisse aus 33 Jahren ein, in denen er als Korrespondent von Zeitungen wie dem Züricher „Tages-Anzeiger“ und der „Frankfurter Rundschau“ in Lateinamerika unterwegs war. Viele Ereignisse und Entwicklungen hat er aus nächster Nähe verfolgt. Er verdeutlicht die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern in Wirtschaft und Politik, Gesellschaft und Kultur, stellt Zusammenhänge her und zeigt Hintergründe auf. Dadurch bringt er Orientierung in die häufig verschlungenen Pfade der jüngeren Geschichte des vielfältigen Subkontinents.
Rey behandelt Verbindendes und Trennendes, ohne sich in Details zu verlieren. Ihn interessieren primär die zentralen Entwicklungshemmnisse, die den Kontinent immer wieder in Krisen gestürzt haben – die von außen einwirkenden Faktoren ebenso wie die den Völkern der Hemisphäre eigenen Wesenszüge, Traditionen oder Kulturen.
Wo erforderlich, greift Rey historisch weit aus. Seiner Ansicht nach ist die Geschichte Lateinamerikas ohne die Kolonialherrschaft Spaniens und Portugals nicht zu verstehen. Rey zeigt, dass das Ausbleiben bürgerlicher Revolutionen nach dem Zusammenbruch der Kolonialreiche im 19. Jahrhundert, die Fortdauer feudaler Zustände und die Dominanz der Militärapparate die Länder Süd- und Mittelamerikas bis heute prägen. All das ist eingängig geschrieben und gut lesbar. Zeittafel, Literaturhinweise und ein Personenregister runden die Darstellung ab.
Mit der eigenen Meinung hält Rey nicht zurück. Er kommentiert, gewichtet, ordnet ein, stellt Bezüge her. Eine Zäsur ist für ihn der Putsch des chilenischen Militärs gegen die gewählte Allende-Regierung 1973. Mit ihm habe der Siegeszug neoliberaler Konzepte begonnen, der eine bis dahin nie gekannte soziale Polarisierung gebracht habe. In den vergangenen Jahren hat sich der Wind zwar wieder gedreht. Doch die oft nur formalen Änderungen nach dem Ende der Militärdiktaturen ohne echte politische Reformen und ohne erkennbaren sozialen Fortschritt haben die Legitimität der Demokratie stark beschädigt.
Die Stimmung der Menschen schwankt zwischen Hoffnung und Frustration. In vielen Ländern haben die traditionellen Parteiensysteme einen Niedergang erlebt. Gleichzeitig finden charismatische Führerfiguren unterschiedlichster Couleur großen Zuspruch bei den Wählern.
Nicht zuletzt deshalb wäre ein genauerer Blick des langjährigen Beobachters lateinamerikanischer Politik in die Zukunft des Kontinents wünschenswert gewesen. Reys Ausblick bringt wenig neue Erkenntnisse. Dass er die Linke mit ihren Konzepten und Visionen nicht genauer untersucht, ist angesichts ihrer Vielschichtigkeit vertretbar. Weniger nachvollziehbar ist, dass er die immer machtvoller auftretenden Indigenen und die in vielen Ländern bedeutsamen sozialen Basisbewegungen so stiefmütterlich behandelt.
Norbert Glaser
