Seite drucken        Seite schlie?en 

 

welt-sichten

welt-sichten bestellen

Suche

welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

Login

Login

Newsletter



Newsletter absenden

welt-sichten


Wenig hilfreich

Die Kritik an der Entwicklungspolitik wächst. Doch oft ist sie ungerecht

Von Tillman Elliesen 

Einwände gegen Entwicklungshilfe sind so alt wie diese selbst. Seit einiger Zeit werden sie häufiger und schärfer – nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in Medien für eine breitere Öffentlichkeit. Das ist gut so. Die Entwicklungspolitik hat einen hohen Anspruch, an dem sie sich messen lassen muss. In der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit werden immerhin Steuergelder in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar jährlich vergeben. Zu oft verfolgen die reichen Länder mit diesem Geld eigene ökonomische und politische Interessen und behindern dadurch die Armutsbekämpfung. Und zu oft wirken Projekte und Programme nicht, weil sie nicht die Vorstellungen und Bedürfnisse derer spiegeln, für die sie gedacht sind.

Dennoch: Die populäre Schelte ist wenig konstruktiv, weil sie die Entwicklungshilfe oft pauschal verdammt. Am weitesten geht der kenianische Ökonom James Shikwati, der sie ganz abschaffen würde. Seiner Ansicht nach verhindert die Hilfe, dass Afrika sich aus eigener Kraft aus seiner Misere befreit. Es stimmt zwar, dass manche Projekte die Fähigkeit der Empfänger schwächen, für sich selbst zu sorgen. Aber Afrika wird kaum wirtschaftlich erblühen, nur weil die reichen Länder ihre Hilfszahlungen einstellen. Dass der Kontinent heute schlechter dasteht als andere Weltregionen, hat viele Ursachen. Schlechte Hilfsprogramme mögen im Einzelfall dazu beigetragen haben, der Hauptgrund sind sie mit Sicherheit nicht. Shikwati macht den selben Fehler, den er zu Recht Entwicklungshilfe-Enthusiasten wie dem USÖkonomen Jeffrey Sachs vorwirft – nur mit umgekehrten Vorzeichen: Beide überschätzen die Wirkung der Hilfe maßlos.

Die derzeit kursierenden Kritiken sind häufig undifferenziert, ungerecht und widersprüchlich. Man kann leichtfertig vergebene Nahrungsmittelhilfe nicht mit Programmen zur Stärkung einer unabhängigen Justiz oder der Privatwirtschaft in einen Topf werfen, wie Shikwati das tut. Der Journalist Bartholomäus Grill wiederum verweist in einem Zeitschriftenartikel auf gescheiterte Projekte der 1970er Jahre und tut so, als habe die Politik seitdem nichts dazugelernt. Es werde Zeit, Entwicklungspolitik als „globale Strukturpolitik“ zu begreifen, schreibt Grill – ohne zu erwähnen, dass das Bundesentwicklungsministerium genau das versucht. Der frühere Weltbank- Mitarbeiter William Easterly dagegen hält wenig von solchen Großentwürfen und fordert im Gegenteil, die Hilfe solle sich auf „kleine Schritte“ konzentrieren. Zurück zu den kleinteiligen Projekten von früher also?

In einem Punkt haben die Kritiker allerdings Recht: Entwicklungshilfe ist zu einem Geschäft geworden, in dem die beteiligten staatlichen und privaten Organisationen ebenso engagiert für das eigene Überleben wie gegen die Armut kämpfen. In vielen Entwicklungsländern herrscht ein Überangebot an ausländischen Helfern, die manchmal zusammenarbeiten, sich häufig aber gegenseitig im Wege stehen. Den Geberländern ist das bewusst. Sie und internationale Organisationen wie die Weltbank und die Vereinten Nationen haben sich deshalb vor einigen Jahren in der so genannten „Paris-Erklärung“ zu mehr Kooperation und Abstimmung untereinander verpflichtet.

Das zielt in die richtige Richtung, wird aber nicht reichen, weil das Grundübel bestehen bleibt: die viel zu große Zahl von Entwicklungsorganisationen, die sich auf dem Markt tummeln. Dirk Messner und Jörg Faust vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik plädieren deshalb in einem klugen Diskussionspapier dafür, den Wettbewerb in der Entwicklungshilfe zu erhöhen – etwa dadurch, dass die Empfänger Gutscheine für Hilfsleistungen bei Anbietern ihrer Wahl einlösen. Außerdem fordern die beiden Wissenschaftler unabhängige Prüfungen der Arbeit von Entwicklungsagenturen. In der Regel kontrollieren diese sich nämlich selbst oder heuern Gutachter dafür an, die von solchen Aufträgen abhängig sind.

Wie schwierig es ist, die Entwicklungsarchitektur zu verschlanken, zeigt der (vorerst) gescheiterte Versuch, die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und die für finanzielle Hilfe zuständige KfW-Entwicklungsbank unter einem Dach zu vereinen. Noch viel schwerer ist es, auf europäischer oder gar globaler Ebene die Kräfte der Geber stärker zu bündeln. Es gibt aber keine Alternative dazu. Die Entwicklungshilfe muss dem Vorwurf ihrer Kritiker begegnen, sie sei zum Selbstzweck verkommen. Denn ihre Aufgabe ist zu wichtig. 


Tillman Elliesen
ist Redakteur bei "welt-sichten"

welt-sichten 1-2008