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Abhängigkeit ist kein Schicksal

Nuvea Sociedad (Caracas, November/Dezember 2008). Vor 40 Jahren erschien Fernando Henrique Cardosos Werk über die Dependenztheorie (deutsch: Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika), das die entwicklungspolitische Debatte maßgeblich geprägt hat. Nun hat sich der Sozialwissenschaftler und spätere brasilianische Präsident in einem Interview zu den Auswirkungen der darin konstatierten Weltmarktabhängigkeit Lateinamerikas auf die aktuellen politischen Veränderungen auf dem Kontinent geäußert. Im Zusammenhang mit der Diskussion über Globalisierung und Neoliberalismus knüpft Cardoso an den damaligen Diskurs an. Die nicht zuletzt durch Fortschritte der Informationstechnologie bedingte weltwirtschaftliche Verflechtung bezeichnet er als neue Form von Dominanz und Abhängigkeit.

Zwischen der damaligen Dependenz und der heutigen wirtschaftlichen sowie politischen Situation in Lateinamerika bestehen strukturelle Ähnlichkeiten. So ließen sich nach dem Grad der weltwirtschaftlichen Abhängigkeit Ländergruppen unterscheiden, die wie Bolivien oder Ecuador ohne industrielle Basis auf die Rohstoffausfuhr angewiesen sind und die breite Bevölkerung von den Früchten des Wirtschaftswachstums ausschließen. Argentinien, Brasilien und Chile, die über nationales Kapital verfügen, die Mittelschicht fördern und die staatlichen Institutionen stärken, hätten hingegen eine andere Entwicklung genommen. In diesen drei Ländern habe sich eine Allianz zwischen inländischem und ausländischem Kapital gebildet, bei der der Staat über Steuern für eine breitere Verteilung des Wachstums sorge. Somit verringerten sich auch die Chancen für populistisch oder paternalistisch geprägte politische Alternativen.

Sein eigener theoretischer Ansatz sei keineswegs deterministisch gewesen, betont Cardoso. Für die lateinamerikanischen Länder gebe es tatsächlich die Möglichkeit, die Abhängigkeitsbeziehung zu überwinden und zu einer andern Art des internationalen Handels zu finden. Staaten, die wie Argentinien und Brasilien einen Binnenmarkt entwickelt haben, könnten nicht nur Rohstoffe, sondern industriell verarbeitete Produkte exportieren. Der Staat müsse den Binnenmarkt stärken. Chile habe diese Klippen am besten überwunden. Nachdem es früher fast ausschließlich vom Kupferexport abhängig gewesen sei, habe es heute seine Volkswirtschaft auf eine deutlich breitere Basis gestellt.  Die starke Indiobewegung in Ecuador, Bolivien und Peru ist nach Auffassung von Cardoso nicht die Folge eines Populismus, der durch geschwächte staatliche Strukturen befördert wird. Sie habe keineswegs rückwärts gewandte Züge, sondern sei vielmehr als Reaktion auf die Globalisierung entstanden.


Karl Otterbein

welt-sichten 02-2009