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Mord an Minderheiten

Michael Mann
Die dunkle Seite der Demokratie.
Eine Theorie der ethnischen Säuberung
Hamburger Edition, Hamburg 2007, 861 Seiten, 40 Euro


Der Autor, Soziologe an der University of California in Los Angeles, versucht mit einer Fülle von Material Motive für Mordaktionen gegen Minderheiten sowie deren Verlauf zu beschreiben und zu deuten. Sie sind, so seine provokante These, der Demokratie nicht fremd. Zu ihr gehörte „stets auch die Möglichkeit, dass die Mehrheit die Minderheit tyrannisiert“.

Im Mittelpunkt des Buches stehen Ereignisse des 20. Jahrhunderts, etwa der Völkermord an den Armeniern, der Genozid der Nationalsozialisten an den Juden und die Morde an den Hutu und Tutsi in Ruanda 1994. Ein weiteres Kapitel ist den kommunistischen „Säuberungen“ Stalins, Maos und Pol Pots gewidmet. Sie werden nicht als „Völkermord“ bezeichnet, sondern seien aus dem forcierten Übergang von Agrar- in Industriegesellschaften entstanden. Die jugoslawischen Deportationen nach 1945 sieht Mann im Zusammenhang mit der von den Alliierten im Zweiten Weltkrieg vertretenen Vorstellung, „Deportationen seien die ‚befriedigendste und dauerhafteste’ Lösung für ethnische Probleme“ (Churchill). Mann gibt sich nicht mit dem Prinzip des Historismus zufrieden, dass jedes Ereignis nur aus sich selbst zu verstehen sei. Er versucht, Strukturen zu finden, ohne jedoch Gesetzmäßigkeiten zu postulieren. Allerdings weise der Holocaust zu viele Besonderheiten auf, „um in irgendein allgemeines Modell zu passen“, schreibt er. „Alle allgemeinen Erklärungen für mörderische ethnische Säuberungen haben umgekehrt darunter gelitten, dass sie diesen einen Fall als Modell verwendeten.“

Die moderne ethnische Säuberung werde zur dunklen Seite der Demokratie, wenn ethno-nationalistische Bewegungen den Staat für sich reklamieren und ihn anfangs als Demokratie konstituieren wollen, später jedoch versuchen, andere Ethnien auszuschließen und zu vertreiben. Damit ist allerdings nicht die Demokratie, sondern der Nationalstaat entscheidend. Wenn ein Staat kein Repertoire „der Schlichtung und Versöhnung“ mehr hat, verbunden mit seinem Gewaltmonopol, wächst die Gefahr der Eskalation. „Nur selten lagen mörderische Säuberungen von Anfang an in der Absicht der Täter“, schreibt Mann. Diese würden von zahlreichen Motiven angetrieben, die sich auch bei „Durchschnittsmenschen“ finden. Im Norden des Globus nimmt die Gefahr ethnischer Säuberungen laut Mann ab. Die gegenwärtigen Migrationsprozesse provozierten keinen „organischen Nationalismus“, weil die Einwanderer keine territorialen Ansprüche erheben. In den ehemals kolonialen Ländern steige hingegen das Risiko, dass aus der Mischung von Ethnizität und Religion Konflikte entstehen. Dem lasse sich nur begegnen, indem die Kämpfer bei der Suche nach einer zivilen Tätigkeit unterstützt, die Wirtschaft angeschoben und die Nachbarn beschwichtigt werden. Tribunale seien hingegen von begrenzter Wirkung, unter anderem weil sie von einer „Elitetheorie des Verbrechens“ ausgehen und keine Täterforschung betreiben. Wahrheits- und Versöhnungskommissionen seien für eine Aussöhnung günstiger; nur wenige Menschen seien jedoch der Ansicht, dass Massenmördern ihre Taten vergeben werden sollten.

Mann kommt zu dem Schluss: „Mittlerweile können wir die Begleitumstände erkennen, unter denen ethnische Säuberungen bedrohlich werden, eine kritische Grenze überschreiten und in Massenmord umschlagen. Aus der Erkenntnis entsteht die Fähigkeit, zu Lösungen zu kommen, aber gegenwärtig fehlt uns noch der Wille, die nötigen Ressourcen für solche Lösungen im Süden der Welt bereitzustellen. Der Süden wird möglicherweise gezwungen sein, unsere eigene leidvolle Geschichte der ethnischen Säuberungen zu wiederholen.“


Dieter Kramer

welt-sichten 02-2009