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welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

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Plädoyer für den Brückenschlag

Harald Müller
Wie kann eine neue Weltordnung aussehen?
Wege in eine nachhaltige Politik
Fischer Taschenbuch Verlag,
Frankfurt 2007, 320 Seiten, 9,95 Euro


Harald Müller setzt sich in seinem Buch mit den Grundproblemen eines „nachhaltigen Weltregierens“ auseinander und geht dabei drei wesentlichen Fragen nach: Wie kann mit kultureller Vielfalt samt ihren sozio-politischen Implikationen angemessen umgegangen werden? Wie läßt sich der Streit um Gerechtigkeit mildern oder schlichten? Und wie ist der Krieg als Institution aus der Welt zu schaffen? Wer die Antworten auf diese Fragen in den sechs zentralen Kapiteln des Buches liest, findet sich in Weltsichten eingeführt, die Müller nicht teilt, sowie in seine eigene Leitperspektive. Kritisch setzt sich der Autor mit den Vorstellungen imperialen und hegemonialen Regierens auseinander, aber auch mit dem missionarischen Eifer eines Liberalismus, der die Welt (und dann vielleicht sogar noch mit militärischen Mitteln) in einen Bund von Demokratien verwandeln möchte.

Die Idee der kosmopolitischen Weltrepublik findet ebenfalls seine Kritik, abgemildert auch Vorstellungen von global governance. Müller selbst plädiert dafür, die Verschiedenheiten auf der Welt, insbesondere in kultureller Hinsicht, zu akzeptieren und mit Hilfe von Kooperation und Begegnungen in Bewegung zu bringen, so dass Brücken dort möglich werden, wo Orthodoxien und Fundamentalismen nur Gegensätze sehen. Es sei die Aufgabe von internationalen und regionalen Organisationen, einer gegebenenfalls drohenden kriegerischen Gewalt durch kluge institutionelle Vorkehrungen entgegenzuwirken, so dass der organisierte Einsatz von Gewalt zur „polizeilichen Ausnahme unter extremen Umständen“ wird.

Diese Kapitel zeigen Müller als einen Autor, der die realpolitischen Verhältnisse nicht nur kennt, sondern kritisch diagnostiziert, um detailliert Wege aufzuzeigen, wie mit den drei Problemlagen weitsichtig-realistisch umgegangen werden kann. Dass er mehr dem Recht und nicht der Macht, auch nicht dem Markt und der Moral eine konzeptuelle und praktisch-politische Präferenz zuschreibt, wird in einem weiteren Kapitel deutlich. Daran schließen sich Überlegungen darüber an, wie internationale Institutionen wie die Vereinten Nationen, aber auch Akteure auf der internationalen Bühne wie Großmächte, nichtstaatliche Organisationen, Expertengremien und Unternehmen durch Veränderungen dazu beitragen können, dass Weltpolitik der Nachhaltigkeit gerecht wird.

Es ist also nicht die Demokratisierung der Welt per se, die nach Müller zum zentralen Vehikel des Weltregierens werden soll. Es geht darum, alle wichtigen Akteure jenseits der Kulturgrenzen des Westens ins Boot zu holen. Ein erster Imperativ ist der Brückenschlag, um der Vielfalt angemessen gerecht zu werden. Dann gilt es, gewaltsamen Konflikten entgegenzuwirken oder sie zu dämpfen, indem möglichst viele Konfliktparteien ins Boot geholt werden, um eine gemeinsame Plattform der Konfliktintervention zu finden. Wenn ein so angelegtes Weltregieren Demokratisierung langfristig zum Nebeneffekt hat, um so besser: „Einen solchen Prozess soll man ebenso entschlossen wie behutsam unterstützen. Aber man soll ihn nicht zur Grundbedingung globaler Kooperation machen. Hier wäre das Beste der Feind des Guten.“

Wissenschaftler, so Müller, müssten die Fähigkeit erwerben, dem Laienpublikum ihr Wissen verständlich zu vermitteln. Dieser Empfehlung folgt er selbst. Sein Buch ist leicht lesbar. Seine Weltsicht steht für sich, weil er die Weltsichten auf gängige Positionen kritisch durchleuchtet und darüber eine eigene Position in aller Breite und Differenziertheit entfaltet. Ob man mit jedem Befund und jeder vom Autor favorisierten Perspektive übereinstimmt, ist dabei nicht entscheidend. Denn davon bleibt die Wertschätzung des analytischen sowie des pragmatischen Gehalts unberührt, der dieses Buch auszeichnet.


Dieter Senghaas

welt-sichten 02-2009