Baumwollanbau in verschiedenen Welten
Hans-Peter Jost (Fotos) und Christina Kleineidam
„Baumwolle weltweit“
Lars Müller Publishers, Baden (Schweiz) 2009,
320 Seiten mit 220 s/w-Fotos, 39,90 Euro
Zwei Jahre lang waren der Schweizer Fotograf Hans-Peter Jost und die Journalistin Christina Kleineidam unterwegs auf den Spuren der globalen Baumwollindustrie. Ihr Buch zeigt die Janusköpfigkeit eines Rohstoffs, der die vergangenen drei Jahrhunderte globaler Wirtschaftsgeschichte mit geprägt hat. Weltweit bauen 70 Länder Baumwolle an, darunter die ärmsten und reichsten, das westafrikanische Mali und die USA. Der Anbau der arbeitsintensiven und durstigen Nutzpflanze hat katastrophale Folgen für Mensch und Umwelt, schafft aber auch Arbeitsplätze und – zumindest bescheidenen – Wohlstand.
China ist mit einem Marktanteil von einem Drittel der weltgrößte Baumwollproduzent. Die Textil- und Bekleidungsindustrie des Landes bietet vor allem Frauen die Aussicht auf ein karges, aber selbstständiges Leben in der Stadt. In Usbekistan forciert die intensive Bewässerung auf den Plantagen die Ausbreitung riesiger Salzseen und die Versalzung des Bodens, auf dem dann nichts mehr wächst. Das Volk profitiert wenig von der Baumwollproduktion, die Löhne der Pflücker sind niedrig, viele Schulen bleiben während der Erntezeit geschlossen. Kinder sind gezwungen, Baumwolle per Hand zu pflücken. Ein Großteil der Profite landet in den Taschen korrupter Beamten.
In Indien nehmen sich immer wieder Baumwollbauern wegen ihrer Verschuldung bei lokalen Geldverleihern das Leben. Viele von ihnen hat genmanipuliertes Saatgut des US-Konzerns Monsanto in den Ruin getrieben. Sie hatten nach der Ernte Samen zurückbehalten, um sie in der nächsten Saison auszusäen, ohne zu wissen, dass es sich um Hybride handelt, die sich nicht erneut zur Aussaat verwenden lassen. Das steht zwar auf den Verpackungen, doch viele Bauern können nicht lesen. Auch haben sie nicht mit zusätzlichen Ausgaben für Pestizide gerechnet. Die sind nötig, weil die Gen-Sorte zwar ein Gift gegen den gefürchteten Kapselbohrer produziert. Dafür vermehren sich bei ihrem Anbau aber andere Schädlinge, die nur mit Pestiziden zu beseitigen sind.Diese und andere Unwägbarkeiten der Natur bewältigen die US-Farmer spielend – dank moderner Technik und staatlicher Subventionen. Jeder US-Baumwollfarmer produziert im Schnitt 400 Mal so viel wie ein Bauer in Mali, der dem Auf und Ab der globalen Rohstoffmärkte, Klimakapriolen und Missernten schutzlos ausgeliefert ist.
Der Bildband führt in sieben Kapiteln durch die weltweit größten Anbaugebiete für Baumwolle. Die Texte warten mit einem an sich attraktiven Mix aus Interview, Reportage und Bericht auf, lassen aber an manchen Stellen inhaltliche Stringenz vermissen. Das machen die 220 großformatigen Fotos wett. Die meisten fangen Szenen aus dem Alltag der Pflücker und Pflanzer ein; sie überzeugen durch ihre einfühlsame, Nähe zu den Menschen und die Ausdrucksstärke ihrer Schwarzweiß-Ästhetik. Das Buch macht eindrücklich klar, in welch unterschiedlichen Welten diejenigen leben, die den Rohstoff produzieren, den wir auf dem Leib tragen.
Eric Breitinger


