Seite drucken        Seite schließen 

 

welt-sichten

welt-sichten bestellen

Suche

welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

Newsletter



Newsletter absenden

welt-sichten


Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

nach der Erdbebenkatastrophe in Haiti haben Kinderhilfsorganisationen eindringlich vor der Gefahr gewarnt, dass Kinderhändler die Lage ausnutzen. Denn Mädchen und Jungen, die ihre Familie verloren haben und auf sich allein gestellt durch die Straßen irren, sind besonders leichte Beute für skrupellose Schlepperbanden. Politische Instabilität, Kriege, Armut, aber auch das Chaos nach einer Naturkatastrophe begünstigen eines der dunkelsten Geschäfte weltweit: den Handel mit Menschen.

Dieses Geschäft blüht trotz aller Gesetze zur Bestrafung der Täter und zum Schutz der Opfer. Und auch dieser Handel folgt dem Gesetz von Angebot und Nachfrage. Auf der einen Seite stehen Menschen, die in ihren armen Heimatländern keine Zukunft sehen, die ein besseres Leben suchen oder dringend Geld benötigen. Ihnen gegenüber steht der Bedarf nach billigen Arbeitskräften – sei es auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder in der Sexindustrie. Gewiefte Vermittler bringen beide Seiten zusammen. Dabei kann es sich um international organisierte Banden handeln. Oft locken aber auch Verwandte oder Bekannte die Opfer mit Versprechen auf einen ordentlichen Job und einen guten Verdienst.

Über die Zahl der Opfer kursieren verschiedene Schätzungen. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) geht davon aus, dass 2,4 Millionen Menschen weltweit durch Menschenhandel in Zwangsarbeit und Zwangsprostitution geraten sind. Die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher sein. Denn der Handel mit Kindern, Frauen, Männern und menschlichen Organen läuft in der Regel im Verborgenen ab. Nur wenige Fälle werden angezeigt, die Zahl der Verurteilungen ist noch geringer. Ein Bericht der Vereinten Nationen von 2009 registriert in 62 von 155 untersuchten Ländern von 2003 bis 2007 keine einzige Verurteilung wegen Menschenhandel, in 26 Ländern maximal zehn Schuldsprüche und nur in 45 Staaten mehr als zehn. Die Gründe dafür sind unter anderem unklare Definitionen in Gesetzen und zu wenig Schutz für die Opfer. Viele wagen es nicht, sich gegen ihre Peiniger zu wehren, weil sie fürchten müssen, als illegale Migranten abgeschoben zu werden.

Gesetze allein genügen nicht für den Kampf gegen den Menschenhandel – auch wenn ihre konsequentere Anwendung sicher einen großen Beitrag leisten würde. Darüber hinaus muss die Nachfrage reduziert werden, indem man zum Beispiel noch mehr Bewusstsein dafür schafft, dass billige Turnschuhe und T-Shirts möglicherweise von Opfern von Menschenhandel gefertigt worden sind. Und auf der Angebotsseite gilt es, Armut und Hunger zu verringern, damit sich Kinder, Frauen und Männer nicht Menschenhändlern ausliefern müssen.

Die Bekämpfung von Armut und Hunger ist auch das erste der acht Millenniumsziele, die sich die Staatengemeinschaft vor zehn Jahren gesetzt hat und bis 2015 erreichen will. Im September 2010 werden die Vereinten Nationen über Fortschritte und Hindernisse beraten. Bis dahin berichten wir in einer Serie über Erfahrungen mit jedem der acht Ziele. Der erste Beitrag in diesem Heft geht der Frage nach, warum in Indien trotz Wirtschaftswachstum noch immer Millionen Menschen am Rande des Existenzminimums leben.


Gesine Wolfinger
Redakteurin

welt-sichten 02-2010