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Lehren aus der Tsunami-Hilfe

Thorsten Hinz, Oliver Müller (Hg.)
Den Tsunami gemeinsam bewältigt.
Sozialräumliches Arbeiten nach der Katastrophe in Indonesien
Lambertus-Verlag, Freiburg im Breisgau 2009, 178 Seiten, 19,80 Euro


Vor gut fünf Jahren, am 26. Dezember 2004, rissen meterhohe Flutwellen in 14 Ländern Asiens mindestens 224.000 Menschen in den Tod. Mehr als 1,5 Millionen wurden obdachlos und verloren ihre Lebensgrundlage. Der Tsunami war eine Jahrhundertkatastrophe. Zugleich löste er eine überwältigende Hilfsbereitschaft aus, allein in Deutschland wurden 674 Millionen Euro gespendet. Die Hilfsorganisationen standen vor riesigen Aufgaben und wie nie zuvor unter öffentlichem Druck. Spenderinnen und Spender, Medien und Politiker verlangten schnelle und unbürokratische, aber auch verantwortliche und nachhaltige Hilfe sowie größtmögliche Transparenz.

Das Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, Caritas international, zieht in dem vorliegenden Band eine Bilanz seiner Tsunami-Hilfe in Indonesien. Im Mittelpunkt steht keine Leistungsschau in Bezug auf neue Häuser, Schulen oder Fischerboote. Vielmehr geht es um die Fragen was „gute Hilfe“ nach einer Katastrophe ausmacht und wie es gelingt, dass sie langfristig wirkt. Dafür soll der sozialräumliche Ansatz sorgen: Er versteht Opfer von Katastrophen nicht als passive Hilfeempfänger, sondern als Handelnde, die mit (wenig) Unterstützung von außen in der Lage sind, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Anders ausgedrückt: Hilfe zur Selbsthilfe. Das klingt nicht allzu originell, kann aber angesichts der oft zu beobachtenden Überbewertung ausländischer Expertise nach Katastrophen nicht oft genug betont werden.

Die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes schildern Beispiele dieser Arbeit aus der indonesischen Provinz Aceh auf der Insel Sumatra. Sie wurde von der Katastrophe am härtesten getroffen und befand sich zudem im Krieg: Rebellen der Unabhängigkeitsbewegung GAM kämpften gegen das indonesische Militär. Für Helfer aus dem In- und Ausland bestand ein Zugangsverbot, das diese jedoch missachteten. Die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen der Tsunami-Hilfe werden ausführlich erläutert, denn sie sind die Bedingung dafür, dass Hilfe langfristig wirkt.

Weitere Beiträge sind den indonesischen Partnerorganisationen von Caritas international gewidmet, die zum Teil erst nach der Katastrophe entstanden und mit Unterstützung von Außen aufgebaut worden sind. Der Band nimmt die „Jahrhundertkatastrophe“ zum Anlass, einen Einblick in die humanitäre Hilfe, ihre Rahmenbedingungen, Grenzen und Erfolgsaussichten zu geben. Auch selbstkritische Lektionen aus der Tsunami-Hilfe insgesamt werden formuliert. Dass lokale Kenntnisse und Fähigkeiten zu wenig einbezogen wurden, ist einer der Hauptkritikpunkte. Das Buch ist nicht nur für Fachleute interessant, sondern auch für Spenderinnen und Spender, die mehr darüber wissen möchten, was mit ihrem Geld jenseits von Fischerbooten und neuen Häusern bewirkt wird.


Gesine Wolfinger

welt-sichten 02-2010