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Anmaßung der Ökonomie

Klimaschutz von Kosten-Nutzen-Rechnungen abhängig zu machen, widerspricht jeder Vernunft

Von Bernd Ludermann

Klimaschutz ist eine Fehlinvestition –  so  der dänische Statistiker und Politologe Björn Lomborg in seinem neuen Buch „Cool it“. Er bestreitet nicht, dass die Menschheit das Klima aufheizt, ist aber dagegen, den Ausstoß von Treibhausgasen zu beschränken. Das könne den Klimawandel nur wenig verlangsamen, würde aber enorme Kosten verursachen. Den Armen, so Lomborg, würde das viel mehr schaden als die Erderwärmung. Ihnen könne man mit Investitionen in die Bekämpfung von Hunger, Not und Krankheiten viel wirksamer helfen. Selbst die heute ärmsten Länder könnten in einigen Jahrzehnten die Folgen der Erderwärmung mit Flut- und Sturmschutzbauten, Wasserspeichern und Ähnlichem mühelos bewältigen – vorausgesetzt ihr Wachstum werde nicht mit zu viel Klimaschutz gebremst.

Lomborg hat recht, dass in der Klimadebatte falsche Ängste geschürt werden – etwa dass in Europa bald eine Eiszeit ausbrechen könnte. Doch seine These beruht auf abwegigen Annahmen, zum Beispiel einer stetigen Wirtschaftsentwicklung. Was aber, wenn die Folgen des Klimawandels soziale und politische Krisen verschärfen und so Entwicklung  verhindern?

Der Däne rechnet im Grunde Kosten des Klimaschutzes gegen Schäden auf, die damit vermieden werden. Über beides sind die Ökonomen aber keineswegs einig. Laut Nicholas Stern, dessen Bericht für die britische Regierung 2006 Furore gemacht hat, verursacht energischer Klimaschutz viel geringere Kosten als eine ungebremste Erderwärmung. Ein Grund der Diskrepanz ist, dass solche Kosten-Nutzen-Rechungen spekulative Annahmen erfordern – etwa über den technischen Fortschritt–­, die das Ergebnis völlig verändern können. So kommen Lomborg und Stern unter anderem deshalb zu gegenteiligen Ergebnissen, weil Stern eine niedrige Verzinsung für heute investiertes Kapital ansetzt. Eine hohe Verzinsung bedeutet hohe künftige Gewinne, so dass künftige Kosten, etwa aus dem Klimawandel, weniger ins Gewicht fallen.

Kosten-Nutzen-Vergleiche sind beim Thema Klimaschutz grundsätzlich fragwürdig. Man muss dafür zum Beispiel die Gefahr, Tierarten auszurotten, oder die Zu- oder Abnahme von Krankheiten in Geld bewerten. Oft wird der Schaden, den Arme erleiden, geringer angesetzt, weil sie weniger verlieren. William Nordhaus, auf den Lomborg sich gern beruft, schätzte 1998 auch deshalb die Folgekosten des Klimawandels niedrig ein, weil er eine Verbesserung des Freizeitwertes erwartete, in Geld bewertete und gegenrechnete. Die Kosten für die USA „sanken“ dadurch um 38 Prozent.

Zudem geht in globalen Berechnungen unter, wem klimapolitische Entscheidungen Kosten aufbürden oder Nutzen bringen. Folgt man Lomborg und unterlässt Klimaschutz, dann erhöhen sich die Klimaschäden genau für die Länder, die kaum zum Problem beitragen – vor allem in Afrika und Ozeanien. Dies mit Transferzahlungen auszugleichen ist so, als würde man die Entwicklungshilfe für Afrika mit den Schäden infolge des Exports von Giftmüll oder Kriegswaffen verrechnen. Und warum sollten die reichen Länder nicht Hilfe und Klimaschutz finanzieren können?

Lomborgs Behauptung, zu viel Klimaschutz mache uns alle ärmer, ist nicht nur sachlich zweifelhaft. Sie geht völlig am Problem vorbei: an der fundamentalen Unsicherheit von Klimaprognosen. Er behauptet, Experten würden eine Erwärmung um rund 2 Grad Celsius bis 2100 voraussagen. Tatsächlich halten sie auch eine Erwärmung von 6 Grad für möglich, auch wenn das nicht das wahrscheinlichste Szenario ist. Das Klimasystem enthält kritische Schwellen, jenseits deren Subsysteme umkippen können. So könnten der Eisschild Grönlands und das Eis vor der Westantarktis schmelzen oder der Regenwald am Amazonas versteppen. Dann würde die Erwärmung sich selbst enorm verstärken.

Kurz: Der Klimawandel kann zu unumkehrbaren Schäden in unbekannter Höhe führen. So etwas ist in der ökonomischen Theorie nicht vorgesehen. Sie kennt nur Risiken, deren Wahrscheinlichkeit und maximale Schadenshöhe man angeben kann. Doch niemand weiß, wo kritische Klima-Schwellen sind und was ihre Überschreitung „kostet“. Jegliche Kosten-Nutzen-Analyse zur Klimapolitik ist daher eine Rechnung, deren wichtigste Größen unbekannt sind. Kein Zahlenspiel kann hier den gesunden Menschenverstand und ethisch fundierte Urteile ersetzen. Selbst eine kleine Chance, dass die schlimmsten Szenarien eintreten, sollte Grund genug sein, dies zu verhindern – auch wenn es teuer ist. Klimapolitik auf zweifelhafte ökonomische Modelle zu gründen, widerspricht jeder Vernunft.    

Bernd Ludermann
ist Chefredakteur von „welt-sichten“

welt-sichten 2/3-2008