„Das Glücksrad im Kasino der Finanzmärkte bremsen“
Regulierungen und Transaktionssteuern können die Wirtschaft schützen
Gespräch mit Bernhard Emunds
Die jüngste Bankenkrise ist ein Zeichen für die Verselbstständigung der Finanzmärkte. Um den gefährlichen Folgen entgegenzuwirken, sind stärkere Regulierungen und Änderungen bei der Vergütung von Managern sinnvoll. Langfristig sollten Steuern auf Finanztransaktionen sowie eine weniger ungleiche Vermögensverteilung angestrebt werden.
Ist die jüngste Bankenkrise ein Zeichen dafür, dass sich die Finanzmärkte von der realen Wirtschaft gelöst haben?
Sie ist ein weiterer Hinweis darauf, dass sich die Finanzmärkte mehr und mehr verselbständigen, das heißt durch Boom- und Crash-Phasen ein Eigenleben entfalten, das dann die Realwirtschaft stört. In der Theorie spiegelt der Kurs eines Wertpapiers genau wider, welche Einnahmen in Zukunft erwartet werden – der Kurs einer Aktie zum Beispiel die erwarteten künftigen Gewinne des Unternehmens. Auf den Aktien- und Anleihemärkten der Industrieländer, die von den großen Finanzinstituten systematisch genutzt werden, funktioniert das auch ganz gut. Aber viele professionelle Anleger sind ständig auf der Jagd nach höheren Renditen. Deswegen fließt immer wieder viel Kapital in ausgefallene Anlageformen, die gerade in Mode sind. Die Kurse steigen in den Himmel und stürzen anschließend ab. Mitte der 1990er Jahre, vor der Asienkrise, waren Anlagen in einigen asiatischen Tigerstaaten in Mode und in den vergangenen Jahren eben auch US-amerikanische Hypothekenkredite mit hohem Ausfallrisiko. Die Kreditgeber haben diese Kredite verbrieft, das heißt die Zahlungsforderungen handelbar gemacht, und sie dann gebündelt an Finanzinstitute in aller Welt weiterverkauft. So glaubten viele, die Ausfallrisiken im Griff zu haben. Das ist der Ursprung der aktuellen Finanzkrise.
Worin unterscheidet sich diese Krise von der in Asien 1997?
Sie ist im Kernland des Finanzkapitalismus ausgebrochen. Trotzdem ist die Struktur vergleichbar: Auch der Kauf verbriefter Hypothekenkredite war eine Mode. Man versprach sich besondere Renditen und redete die Risiken klein. So lange eine Mode anhält, kann man wirklich hohe Renditen erzielen, weil ständig frisches Geld in den Markt fließt und damit die Preise der Wertpapiere immer weiter steigen. Das ist der ideale Nährboden für Spekulation, also für den Versuch, mit kurzfristigen Veränderungen von Vermögenspreisen Geld zu machen. Nach dem Höhenflug kommt dann aber unweigerlich der Absturz.
Welche Folgen haben diese Finanzpraktiken für die Realwirtschaft?
Drei Folgen sind besonders einschneidend. Erstens hat der Bedeutungszuwachs des Aktienmarkts paradoxerweise dazu geführt, dass die Großunternehmen nicht mehr, sondern weniger Eigenkapital haben. Zwar erhalten Unternehmen zusätzliches Eigenkapital, weil sie neue Aktien ausgeben. Aber alle Unternehmen zusammen geben ein Vielfaches dieser Einnahmen aus, um von Privaten Aktien zu kaufen: Aktien anderer Unternehmen im Rahmen von Übernahmen und zunehmend auch eigene Aktien zum Zweck der Kurspflege. Dadurch steigt die Verschuldung der Kapitalgesellschaften.
Zweitens bevorzugen die Unternehmensvorstände zunehmend Strategien, die sehr schnell hohe Gewinne erwarten lassen. Diese Kurzfristorientierung hängt auch mit der steigenden Verschuldung der Unternehmen zusammen. Denn mit der Höhe des Schuldendienstes steigt das Risiko, künftig in einen Finanzierungsengpass zu geraten, so dass langfristige Investitionen als zu riskant wahrgenommen werden. Drittens können nun auch Unternehmen mit Finanzspekulation große Gewinne machen. Die Gefahr besteht, dass sie das als attraktive Alternative zu Investitionen in Produktion und Beschäftigung wahrnehmen.
Was müsste man tun, um diese Entwicklungen wieder zurückzudrängen?
Ein wichtiger Vorschlag, um Finanzspekulationen weniger attraktiv zu machen, ist die Tobin-Steuer: Jede Finanztransaktion soll mit einem sehr geringen Prozentsatz besteuert werden.
Nur internationale Transaktionen?
Nein, man kann auch rein binnenwirtschaftliche Finanztransaktionen besteuern. Früher gab es ja die Börsenumsatzsteuer. Solche Abgaben verringern die hohen Renditen von sehr kurzfristigen Anlagen, weil diese häufig umgeschichtet werden und dann jedes Mal die Steuer anfällt.
Kann man eine solche Steuer in einem Land einführen?
Nein, aber man könnte in Europa anfangen. Die Europäische Union dürfte als Einstiegsgebiet zunächst groß genug sein. Langfristig müsste man den Geltungsbereich dann ausweiten.
Sollte man auch die Art der Vergütung von Managern überprüfen?
Ja. Manager-Gehälter setzen sich aus festen Bezügen, vom Gewinn abhängigen Tantiemen sowie Aktien-Optionen zusammen, deren Höhe vom Kurs der eigenen Aktie abhängt. Letzteres ist problematisch, weil so die Versuchung immer größer wird, den Aktienkurs schnell zu steigern – notfalls sogar mit illegalen Mitteln. Man könnte aber einen Teil des Managemententgelts daran binden, dass im Unternehmen Arbeitsplätze erhalten oder neue geschaffen werden. Das würde der bei uns weit verbreiteten Überzeugung entsprechen, dass ein Unternehmen auch im Interesse der Beschäftigten zu führen ist. Der soziale Ausgleich ist in Deutschland eben nicht nur eine Aufgabe des Sozialstaats, sondern gehört auch ins Unternehmen. Wenn ein solcher Entgelt-Bestandteil flächendeckend eingeführt und der Wert der Aktienoptionen, die an die Manager ausgegeben werden, gesenkt würde, könnte das Glücksrad im Kasino der Aktienmärkte erheblich gebremst werden.
Inwieweit ist die Suche nach hohen Renditen von psychologischen Faktoren wie Gier getrieben? Kann man da überhaupt gegensteuern?
Der Kapitalismus beruht darauf, dass Menschen ihr Geld vermehren wollen. Das ist so lange erträglich, wie es einen Nutzen für andere hat – etwa bei der Produktion von nützlichen oder annehmlichen Gütern. Auch ein kleiner Teil der Spekulation ist nützlich, weil sie zum Beispiel den Unternehmen erlaubt, Exporteinnahmen gegen Währungsschwankungen abzusichern. Aber mittlerweile hat die Spekulation ein Ausmaß angenommen, bei dem Einzelne mit Transaktionen viel Geld machen können, von denen kein anderer einen Nutzen hat. Im Gegenteil, sie schadet, denn sie sorgt etwa dafür, dass die Wechselkurse noch stärker schwanken. Wenn man hohe Gewinne machen kann, ohne dass Vorteile für andere entstehen, bekommt der Kapitalismus ein Legitimationsproblem. Da muss man gegensteuern.
Wird die Gier nicht nach jeder Regulierung neue Finanzprodukte erfinden, die noch nicht reguliert sind?
In der Tat. Ein Großteil der Innovationen auf den Finanzmärkten dient dazu, Regulierungen zu umgehen. Solange man nicht das kapitalistische System als ganzes in Frage stellt – und das würde ich nicht tun, weil eine realistische und bessere Alternative nicht in Sicht ist –, kommt man um einen Regulierungswettlauf nicht herum.
Gibt es außer der Einschränkung bestimmter Finanzpraktiken andere Möglichkeiten der Steuerung?
Ja, ein wichtiger Aspekt ist die Einkommensverteilung. Das Kasino an den Finanzmärkten geht nicht nur auf das Verhalten von Banken und anderer Finanzinstitute zurück, sondern auch auf eine immer steilere Schieflage bei der Einkommensverteilung. Anders als die niedrigen und die mittleren Einkommen sind die Spitzeneinkommen in den vergangenen Jahrzehnten in die Höhe geschossen – besonders nach Steuern. Aber was geschieht mit hohen Einkommen? Der größte Teil geht in die Vermögensanlage und kurbelt den Kasinokapitalismus weiter an. Auch deshalb wäre eine weniger starke Konzentration von Einkommen und Vermögen besser. Nach der katholischen Sozialethik hängt die Akzeptanz des kapitalistischen Wirtschaftssystems ja nicht nur am gerechten Lohn. Es sollen auch Schritte eingeleitet werden, um den Gegensatz zwischen den wenigen sehr reichen Vermögensbesitzern und den Menschen ohne jedes Vermögen zu überwinden. Ein solches Projekt bedürfte natürlich der Koordination auf kontinentaleuropäischer Ebene. Nur so kann man eine echte Alternative zum anglo-amerikanischen Kapitalismus aufbauen. Das mag utopisch klingen, aber Christen können ja auch langfristige Veränderungsziele ins Auge fassen.
Die Fragen stellten Bernd Ludermann und Tillmann Elliesen
Bernhard Emunds
ist Professor für
Christliche Gesellschaftsethik und
Sozialphilosophie sowie Leiter des
Nell-Breuning-Instituts an der
Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt
am Main. Er hat in Ökonomie
promoviert und sich in katholischer
Theologie habilitiert.
