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„Die Luos werden wegziehen müssen"

Kenia im Würgegriff der ethnischen Polarisierung

Von Michela Wrong

Die Gewalt nach den umstrittenen Wahlen hat in Kenia selbst kosmopolitische Großstädter in die ethnische Wagenburg getrieben. In den Slums fühlen sich viele Menschen nur noch unter Angehörigen der eigenen Volksgruppe sicher. Die Idee der kenianischen Identität steht vor dem Scheitern.

Samuel deutet auf den Bildschirm. Im Fernsehen sind Bilder von Anhängern der Opposition zu sehen, die Tränengas-Patronen auf die Polizisten schleudern, die zuvor damit geschossen haben. „Sie sagen, das seien Unterstützer der Opposition. Aber das ist ein Luo, die da ist auch Luo und da ist noch einer. Der dort drüben könnte alles Mögliche sein. Aber die andern sind alle Luos, nicht einfach Anhänger des ODM.“

Ich starre auf die Gesichter im Fernsehen und vergleiche sie mit denen von Samuel und seinen Brüdern, die alle Kikuyus sind. Nach 15 Jahren Afrika-Berichterstattung kann ich normalerweise einen Dinka von einem Massai unterscheiden, einen Tutsi von einem Hutu, jemand aus Eritrea von einem aus Dschibuti, aber hier bin ich überfordert. „Woher weißt du das?“ „Luos sind untersetzt und kräftig gebaut. Sie haben breite Unterkiefer. Man sieht es einfach.“

Vor zwei Wochen wäre ein solches Gespräch undenkbar gewesen, vor fünf Jahren der Gipfel der Geschmacklosigkeit. Samuel, ein begabter Maler, stammt aus einem Teil der Gesellschaft Kenias, von dem die Zukunftshoffnungen des Landes abhängen. In einem multi-ethnischen Slum geboren, verbrachte er sein Leben in ständigem Umgang mit Luos, Kambas, Luhyas und Kisiis. Er gehört zu der Generation kosmopolitischer Großstädter, die es übel nahmen, wenn man sie fragte: „Zu welchem Stamm gehörst du?“, und pikiert antworteten: „Eigentlich bin ich Kenianer.“

Wie viele andere aus dieser Generation gab er bei den letzten Wahlen seine Stimme entgegen seiner Stammeszugehörigkeit nicht dem amtierenden Präsidenten Mwai Kibaki, sondern dem Oppositionsführer Raila Odinga vom Stamm der Luo. Dessen Orange Democratic Movement (ODM) traute er die Kraft für Veränderungen zu. Doch jetzt ist Samuel, der seine Hütte aufgeben musste, als Luos das Viertel niederbrannten, im Begriff, grundlegende Überzeugungen zu revidieren. Er würde kein zweites Mal so wählen. Und er wird in Zukunft größten Wert darauf legen, unter seinen eigenen Leuten zu leben: „Meine Stammeszugehörigkeit wird mir mit jedem Tag wichtiger.“

Aufstand gegen die Raffgier der Politiker

Den Kennern Kenias missfiel die Art, wie die gegenwärtige Krise weltweit in den Medien dargestellt wurde: als eine Art Neuauflage des ruandischen Völkermords, ein Aufeinandertreffen von Luos und Kikuyus, in dem sich tief verwurzelte Animositäten ausdrückten. Dabei liegen die Ursachen des Gewaltausbruchs in Kenia eher im Zynismus der Regierung, in der skrupellosen Raffgier der Politiker, in der tiefen Kluft zwischen den Armen und der selbstzufriedenen Elite und in der Frustration einer ganzen Generation von Millionen junger Leute, die sich gegen eine vergreiste Führung auflehnen.

Doch so komplex die Hintergründe auch sein mögen: Die Lynchmorde, das Abfackeln von Kirchen und die Menschenjagden haben einen galoppierenden Prozess der ethnischen Polarisierung ausgelöst, psychologisch wie in der Praxis. Dabei hatte es so ausgesehen, als habe das Land gelernt, entspannt mit seinen verschiedenen Ethnien umzugehen.

Die zunehmende Gewalt bringt die Kenianer zu einem völlig veränderten Selbstverständnis. Nirgends wird das deutlicher als in den Slums. „In meinem Viertel wollen die Händler jetzt die Ausweise der Kunden sehen, bevor sie ihnen etwas verkaufen“, sagt der Taxifahrer Joseph, der Kikuyu ist und in einem zum größten Teil von Kikuyus bewohnten Slum lebt. „Luos bekommen nichts. Kein Kikuyu wird mehr an einen Luo vermieten. Die Luos in Kawangware werden wegziehen müssen, und neue werden nicht mehr hereingelassen.“

Auch die Angehörigen der Mittelschicht haben das Gefühl, sich entscheiden zu müssen, obwohl sie das Gefühl der Stammeszugehörigkeit mit den Feldern im Hochland hinter sich gelassen hatten. „Ich war neulich mit Kollegen beim Abendessen, und am Tisch herrschte tiefes Schweigen“, sagt Ruth, eine junge Journalistin. „Wir waren gehemmt, weil wir zu verschiedenen Ethnien gehörten. Keiner wagte etwas zu sagen, um nicht in einen Fettnapf zu treten.“

Selbst die Ausländer aus dem Westen müssen Antennen für Stammesunterschiede entwickeln, die bisher in Kenia – anders als etwa in Ruanda – überflüssig schienen. „Wir haben es fertiggebracht, Kikuyus als Kameraleute nach Kisumu zu schicken“, gestand ein Fernsehregisseur verlegen. Das Team saß in der Luo-Hochburg fest und wagte sich nicht nach draußen, vom Filmen ganz zu schweigen. Andere Arbeitgeber fliegen Angestellte aus, deren Ethnie unwesentlich schien, als sie eingestellt wurden. Nun gelten sie als gefährdet.

Das Selbstverständnis der Kenianer hängt wie in den meisten afrikanischen Ländern eng mit der kolonialen Geschichte zusammen. Zwar haben sich die Briten, die das Land als Siedler in Besitz nahmen, seine ethnische Struktur nicht ausgedacht. Ältere Kenianer betonen, dass für ihre Großeltern die Unterschiede zwischen Kamba und Kikuyu, Kikuyu und Massai von großer Bedeutung waren und das Leben in den Dörfern von Viehdiebstählen und Kleinkriegen zwischen rivalisierenden Stämmen bestimmt war.

Klischees aus der Kolonialzeit

Doch Historikern zufolge war die Stammesidentität damals ein überraschend flexibles Konzept, das sich erst mit der Kolonialherrschaft verfestigte. Als die landhungrigen weißen Siedler über Kenia herfielen, wurden den Einheimischen Reservate für unterschiedliche Stämme zugewiesen. Sie bekamen den „Kipande“, einen Ausweis, der ihre ethnische Identität festlegte. Manche der heutigen Stammesbezeichnungen in Kenia existierten vor der Kolonialzeit noch gar nicht: Der Begriff Kalenjin etwa wurde als praktischer Oberbegriff für die Gruppen, die Nandi sprachen, erst in den späten 1940er Jahren gebräuchlich. Nach dem bewährten Prinzip des Teile und Herrsche wies die britische Verwaltung bestimmten Ethnien Aufgaben zu: Die Massai waren tüchtige Soldaten, die Kikuyu-Bauern, die als geldgierig und schlau galten, sollten das Land ernähren, die Kambas gaben exzellente Hausdiener ab. Diese Klischees sind noch heute verbreitet und werden unter den Kenianern gehandelt, als drückten sie ewige Wahrheiten aus.

Unter Jomo Kenyatta, dem ersten Präsidenten Kenias, verstärkte ein System der Patronage und Vetternwirtschaft diese Unterscheidungen: Im nachkolonialen Staat mit seinem aufgeblähten Verwaltungsapparat führte der Weg zu Wohlstand über die Regierung. Kenyatta hielt seine Stammesgenossen, die Kikuyus, dazu an, sich über ihre traditionellen Siedlungsgebiete hinaus auszubreiten. Ethnien, die die Opposition unterstützten, mussten dafür bezahlen, indem ihnen der Zugang zu Beamtenstellen sowie zu Staatsaufträgen an die Privatwirtschaft und der Aufbau der Infrastruktur verwehrt blieben. Nicht zufällig ist Odingas Heimatstadt Kisumu im Westen Kenias heute eine verfallende Stadt, deren Fisch-, Reis-, Zucker- und Baumwollproduktion entweder stagniert oder bereits untergegangen ist.

Auch der drastische Anstieg der Armut unter Daniel arap Moi schürte die Feindseligkeiten. Der Kalenjin Moi machte sich das Misstrauen der kleineren Ethnien zunutze und stellte sich als den einzigen Politiker dar, der die Kikuyus mit ihrer Raffgier in Schach halten konnte. Unter seiner eisernen Faust blieb nach außen hin alles ruhig. Kenianer jeder Stammeszugehörigkeit sahen sich als Opfer eines korrupten und brutalen Herrschers im Leiden brüderlich vereint.

Die neue Verfassung wurde storniert

Als Mwai Kibaki an der Spitze einer stammesübergreifenden Koalition die Wahlen von 2002 gewann, wurde allgemein erwartet, dass die Spannungen nachlassen würden. Doch der Präsident stornierte den Entwurf einer neuen Verfassung, die seine Macht als Chef der Exekutive beschnitten hätte, sägte seine Koalitionspartner ab und verschanzte sich in der ethnischen Zitadelle seines Machtapparates. Während sich viele westliche Regierungen von der wirtschaftlichen Bilanz der neuen Regierung begeistert zeigten, klagten die Kenianer, dass sich die Kikuyus wieder durchgesetzt hätten. Die „Mount Kenya Mafia“, Seilschaften aus den Stämmen von Kibakis Kikuyu und den benachbarten Embu und Meru, betrieben das alte Spiel der Vetternwirtschaft weiter. Die wichtigen Ministerien blieben in der Hand „gewisser Gruppen“, nur unbedeutende Geschäftsbereiche wurden mit Leuten von außerhalb besetzt. Damit einher gingen dubiose Methoden, Aufträge, Investitionen und Posten an die eigenen Leute zu verteilen. „In jedem Ministerium sieht man, zu welcher Ethnie der Minister gehört, wenn man sich die Gesichter der Beschäftigten anschaut“, sagt ein Journalist aus Nairobi.

Weil die Kenianer überzeugt waren, dass nur die Kikuyu und ihnen nahe stehende Gruppen gefördert wurden, traf Odingas Wahlversprechen, den Föderalismus zu stärken, auf offene Ohren. Das Konzept, „Majimbo“ genannt, scheint Außenstehenden kaum kontrovers, doch viele Kenianer deuteten es anders: Für sie bedeutete „Majimbo“, dass künftig in Luo-Gebieten nur Luos Land besitzen und im Kambaland einzig Kambas Läden betreiben dürfen.

Raila Odinga wurde offiziell zum Verlierer der Wahlen erklärt, doch das „Majimbo“-Prinzip hat sich in der Praxis bereits durchgesetzt. Auch wenn es die alten Ausweise mit ethnischen Zuweisungen nicht mehr gibt, können die Kenianer im Allgemeinen schon am Namen, der auf den Personalausweisen steht, die Stammeszugehörigkeit ablesen. Die Ausweise müssen jetzt an den improvisierten Straßensperren vorgezeigt werden, an denen aggressive junge Männer mit Macheten und Knüppeln fuchteln. Eine Viertelmillion Kenianer – die meisten von ihnen Kikuyus aus dem Rift Valley – wurde bereits von ihren Wohnorten vertrieben.

„Wir haben das Majimbo-Prinzip bereits“, sagt ein Händler, der Kikuyu ist und wie viele Kenianer in diesem zunehmend paranoiden Land seinen Namen nicht nennen will. „Die Leute haben gelernt, dass sie sich nirgends niederlassen dürfen, wo sie nicht hingehören. Vielleicht können sie dort arbeiten, aber ihre Familien dürfen sie nicht mitnehmen. Wenn es dann Probleme gibt, können sie schnell ihre Sachen packen und gehen.“

Die Urbanisierung arbeitet dem Trend entgegen. Sie zwingt die Angehörigen verschiedener Ethnien, nebeneinander zu leben, und führt dazu, dass sie Arbeit und Freizeit teilen, sich verlieben und heiraten. Doch lässt sich nicht leugnen, dass skrupellose Politiker auf der Suche nach dem wirkungsvollsten Thema, mit dem sie Wähler für sich mobilisieren konnten, die Idee der gemeinsamen Nation auf die Zerreißprobe gestellt haben. „Diese Krise ist das direkte Ergebnis von Kibakis Politik“, sagt der kenianische Schriftsteller Parselelo Kantai. „Vor fünf Jahren hat noch niemand von Kikuyus und Luos gesprochen – das war gar kein Thema. Der Gedanke der kenianischen Identität ist jetzt in Frage gestellt.“     

Der Artikel erschien zuerst in der briti­schen Wochenzeitung „New Statesman“.


Michela Wrong
ist freie Journalistin und lebt in London. Sie berichtet seit 15 Jahren über Afrika und hat Bücher über den Kongo („Auf den Spuren von Mr. Kurtz“) und Eritrea („I Didn’t Do It For You“) verfasst.

welt-sichten 2/3-2008