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„Die Stammesführer verteidigen ihre Macht und Autonomie“

An der pakistanisch-afghanischen Grenze verlieren die Islamisten zunehmend an Rückhalt

Gespräch mit Jorge Scholz

Die pakistanische Nordwest-Grenzprovinz gilt als Brutstätte des islamistischen Terrorismus. Unter den Taliban-Gruppen, die sich dort eingenistet haben, leidet jedoch in erster Linie die Bevölkerung. Zunehmend wenden sich daher Führer der paschtunischen Stämme gegen die Taliban. Präsident Musharraf hat diese in den vergangenen Jahren gefördert, um die nach Autonomie strebenden Stammeseliten zu schwächen.

Das pakistanisch-afghanische Grenz­gebiet wird oft als Talibanistan bezeichnet. Ist das angemessen?

Meiner Meinung nach führt der Begriff in die Irre. Er legt nahe, dass die Paschtunen, die Mehrheitsbevölkerung in der Region, identisch sind mit den Taliban. Aber nur eine kleine Minderheit kann zu den Aktivisten der Taliban-Bewegung gerechnet werden. Die Zahl der aktiven Taliban-Kämpfer in der Nordwest-Grenzprovinz wird auf einige Zehntausend geschätzt – bei einer Gesamtbevölkerung von 26 Millionen. Rund vier Millionen davon entfallen auf die von der Zentralregierung verwalteten autonomen Stammesgebiete, die „Federally Administered Tribal Areas“ (FATA), die zur Nordwest-Grenzprovinz gehören.

Vor sechs Jahren wurden die islamistischen Parteien in der Provinz an die Regierung gewählt. Warum haben sie bei der jüngsten Wahl im Februar stark verloren?

Zum einen standen die Wahlen 2002 unter besonderen Vorzeichen: Damals hatten die USA gerade die Taliban in Afghanistan gestürzt, was in den pakistanischen Grenzgebieten zu einem starken Anti-Amerikanismus führte. Zum anderen hatten sich die sechs wichtigsten islamistischen Parteien zu einer Wahlplattform zusammengeschlossen, der Muttahida Majlis-e-Amal (MMA), und konnten deshalb unter dem Mehrheitswahlsystem besonders gut abschneiden. Hinzu kommt, dass die Regierung Musharraf damals die islamistischen Parteien stark unterstützt hat. Jetzt, bei den Wahlen im Februar, war deren Provinzregierung längst entzaubert: Die Bevölkerung hat gesehen, dass auch die islamistischen Parteien ihre Probleme nicht lösen konnten. Vor allem die Sicherheitslage hat sich erheblich verschlechtert, aber auch das Schul- und das Gesundheitswesen liegen danieder. Der Wunsch nach einem Wechsel war groß. Hinzu kommt, dass sich das islamistische Bündnis vor den Wahlen faktisch gespalten hatte, weil die zweitgrößte Partei, die Jamaat-e-Islami, und einige kleinere Parteien zum Wahlboykott aufgerufen hatten.

Woran ist das Bündnis zerbrochen?

Der Hauptfaktor war der Streit über das Verhältnis zur Regierung von Pervez Musharraf. Der Präsident hatte zugelassen, dass die USA in den Stammesgebieten der Nordwest-Grenzprovinz gegen al-Qaida-Kämpfer und Taliban-Führer militärisch vorgingen. Das hat einen Keil in die MMA getrieben. Vor allem die Jamaat-e-Islami hat einen klaren Anti-Musharraf-Kurs gefahren, während die größte Partei der MMA, die Jamiat Ulema-e-Islam von Fazlur Rehman, seit einiger Zeit bereit war, zumindest teilweise mit der Regierung in Islamabad zu kooperieren. Strittig war, wie man mit den Taliban umgehen sollte. Es ist kein Geheimnis, dass etliche Taliban-Kommandanten ausländische Kämpfer aufgenommen haben, vor allem Araber und Usbeken. Diese Leute, die teilweise in paschtunische Familien eingeheiratet haben, sind vielen in der Bevölkerung ein Dorn im Auge. Man macht sie für die Zunahme der Gewalt in der Provinz und für die Destabilisierung des traditionellen Stammesgefüges verantwortlich. Das hat bei einigen Politikern die Bereitschaft verstärkt, sich mit den in der Provinz eingesetzten paramilitärischen Einheiten der Zentralregierung, den Frontier Corps, zu verbünden und gegen die Taliban vorzugehen.

Wie ist das Verhältnis zwischen den islamistischen Kräften und den Stammesführern?

Da herrscht traditionell starke Konkurrenz. Die Stammesführer hatten von jeher die Macht in der Grenzprovinz. Die Taliban hingegen rekrutieren sich vor allem aus der Unterschicht der paschtunischen Gesellschaft, überwiegend aus Familien von Landlosen. Insofern lässt sich das Erstarken der Taliban auch als soziale Revolution begreifen, die an den etablierten Machtstrukturen rüttelt. Die Stammesführer waren immer auf die Autonomie der paschtunischen Gesellschaft sowohl gegenüber der Zentralregierung in Islamabad als auch gegenüber der Provinzregierung in Peschawar bedacht. Die Islamisten verfolgen dagegen ein über die Region hinausgreifendes pan-islamisches Ziel. Sie sind eher bereit, mit anderen islamistischen Kräften auch in Islamabad zu kooperieren, zum Beispiel mit Teilen des Geheimdienstes oder der Armeeführung. Das sehen die Stammesführer als Bedrohung ihrer Macht und der Autonomie der paschtunischen Gesellschaft.

Wie sind die Stammeseliten in den vergangenen Jahren mit der islamistischen Provinzregierung zurechtgekommen?

Es gab seit 2001 immer wieder heftige Konflikte zwischen Taliban-Kommandanten und Stammesführern, die teilweise blutig ausgetragen wurden. Zum Teil wurde das in westlichen Medien so dargestellt, als handele es sich um Kämpfe zwischen Taliban und Regierungseinheiten. Tatsächlich aber waren dies teilweise auch Auseinandersetzungen innerhalb der paschtunischen Gesellschaft.

Haben sich die Stammesführer um die sozialen Missstände zu wenig gekümmert und so die Taliban stark gemacht?

Die Machtverschiebung zugunsten der Taliban wurde ausgelöst von den politischen Veränderungen in Afghanistan – der Aufstieg dort hat die Taliban auch in Pakistan aufgewertet. Eine weitere wichtige Wegmarke war das Eingreifen der USA. Danach zogen sich die Taliban nach Pakistan zurück und formierten sich neu. Das hat auf der pakistanischen Seite des Grenzgebiets zu einer starken Konzentration von Taliban-Kämpfern geführt und die Lage erheblich zugespitzt. Die Zentralregierung hat die Stammesführer mit dieser neuen Bedrohung praktisch allein gelassen. Mehr noch: Sie hat im Rahmen einer komplizierten Schaukelpolitik einerseits die US-Politik gegen den islamistischen Terror unterstützt, andererseits aber zugleich die Taliban-Bewegung als Instrument genutzt, um die unbequemen Stammesführer zu schwächen.

Die Regierung Musharraf hat die Taliban aktiv gefördert?

Genau, und zwar sowohl zu innen- als auch zu außenpolitischen Zwecken. Das Regime hat die Bewegung genutzt, um pakistanische Interessen in Afghanistan zu fördern – zum Beispiel zu verhindern, dass sich in Kabul eine nicht paschtunische oder gar eine pro-indische Regierung etabliert, was aus pakistanischer Sicht eine Katastrophe wäre. Innenpolitisch hat die Regierung Musharraf die Taliban gestärkt, um separatistische Bestrebungen der Stammeseliten in der Nordwest-Grenzprovinz, aber auch in Belutschistan zurückzudrängen und den Einfluss Islamabads in diesen schwer zugänglichen Regionen zu stärken.

Musharraf hat doch aber auch Vereinbarungen mit Stammesführern geschlossen, um die Taliban zurückzudrängen?

Richtig ist, dass das Musharraf-Regime 2005 und 2006 mit lokalen Machthabern in Süd- und Nordwaziristan im südlichen Teil der FATA zwei Abkommen schloss, um die blutigen Kämpfe zwischen Armeeeinheiten – die sich überwiegend aus ortsfremden Pandschabis zusammensetzen – und Taliban-Milizen zu beenden. Vertragspartner der Regierung waren aber nicht die etablierten Stammesführer, sondern die maßgeblichen Taliban-Kommandanten der Region, darunter auch Baitullah Mehsud, den Präsident Musharraf später für die Ermordung Benazir Bhuttos verantwortlich machte. Beide Verträge sahen den Abzug der pakistanischen Armee aus den betreffenden Gebieten vor. An ihre Stelle rückten die paramilitärischen Frontier Corps, deren Soldaten von den einheimischen Stämmen gestellt werden. Faktisch erhielten die Taliban-Kommandanten dadurch freie Hand, ihre Machtposition in Waziristan zu festigen. Sie errichteten islamische Emirate und setzten die Scharia als Rechtsgrundlage durch. Erst Ende 2007, als die pakistanische Armee unter starkem Druck der USA erneut gegen Taliban-Milizen in der Region vorging, kündigten deren Kommandeure die Waffenstillstandsabkommen und starteten entlang der afghanischen Grenze die breit angelegte Offensive der letzten Wochen und Monate.

Bietet die Wahlniederlage der Islamisten den Stammesführern die Chance, ihre Position wieder zu festigen?

Im Vergleich zur Zeit vor dem Bürgerkrieg in Afghanistan sind sie klar geschwächt. Einige zentrale Entwicklungen in der paschtunischen Gesellschaft sind nicht rückgängig zu machen. Zum Beispiel fasst die Drogenökonomie aus Afghanistan auch in Pakistan Fuß. Durch sie sind viele Leute, die jenseits der traditionellen Stammeseliten stehen, reich geworden und zu Macht gekommen. Solange das Drogenproblem in Afghanistan nicht gelöst ist, werden sie ihren Einfluss behalten. Man kann außerdem davon ausgehen, dass viele Taliban-Kommandanten in der Nordwest-Grenzprovinz ihre Söldner mit Drogengeld bezahlen. Diese Söldner bekommen mehr Geld als die Mitglieder der paramilitärischen Regierungsmilizen. Das ist einer der Gründe dafür, dass es den Frontier Corps und der Armee nicht gelingt, die Taliban zu besiegen.

Welche Politik sollte die künftige Regierung gegenüber den Grenzprovinzen betreiben?

Zum einen wäre sie gut beraten, die traditionellen Autonomierechte der Stämme zu beachten – anders als das Regime Musharraf, das diese Rechte immer wieder verletzt hat. Dann wären die Stammeseliten sicherlich deutlich stärker motiviert, gegen die Taliban vorzugehen. Zum anderen sollte die künftige Regierung darauf achten, dass ihre Politik nicht als zu USA-freundlich angesehen wird. Das würde die lokale Bevölkerung gegen sie aufbringen, denn der Anti-Amerikanismus ist in der Grenzprovinz ungeachtet des Wahlergebnisses weiterhin stark. Das wird sich so schnell auch nicht ändern. Drittens werden die neuen Regierungen sowohl in Islamabad als auch in Peschawar daran gemessen werden, ob sie die Sicherheitslage, aber auch das Bildungs-, Ernährungs- und Gesundheitswesen verbessern.

Unmittelbar nach den Wahlen gab es einige verheerende Selbstmordanschläge in der Grenzprovinz. Ist das ein Zeichen, dass das Chaos dort noch zunehmen wird?

Man sollte die Vorgänge in der Nordwest-Grenzprovinz nicht als Chaos bezeichnen. Es handelt sich um eine Vielfalt von Konflikten, die alle ihre Logik haben. Die Attentate Anfang März waren mit Sicherheit Reaktionen aus dem Umfeld der Taliban auf das Wahlergebnis mit dem Ziel, ihren Einfluss gegen die traditionellen Stammeseliten zu verteidigen. Der Anschlag vom 2. März bei Darram Adamkhel zum Beispiel mit 42 Toten und 58 Verletzten galt einer Versammlung von rund 1000 Stammesführern, die zum Ziel hatte, Frieden zu schaffen. Als die Teilnehmer sich geeinigt hatten, eine Truppe von Kämpfern verschiedener Stämme einzuberufen, um die Taliban aus der Region zu vertreiben, zündete der Attentäter die Bombe. Das macht deutlich, dass sich die Taliban gegen die ermutigenden Entwicklungen in der Provinz nur noch mit Terror zu wehren wissen.

Wie kann das Ausland zu einer Stabilisierung der Region beitragen?

Mit lokalen Maßnahmen ist es nicht getan. Nötig ist eine politische Kehrtwendung in Bezug auf die gesamte Region, einschließlich Afghanistans. Zum Beispiel muss die Gleichsetzung der Paschtunen mit den Taliban aufhören. Die US-Amerikaner müssen verstehen, dass sie mit einem direkten militärischen Eingreifen – sei es mit Drohnen, sei es mit Raketenangriffen oder geheimen Kommandoaktionen – diese sensible Grenzregion zusätzlich destabilisieren und genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie wollen.

Die Fragen stellte Tillmann Elliesen


Jorge Scholz
ist freiberuflicher Fachjournalist in Paris mit Schwerpunkt Pakistan und Südasien. Seit 1991 bereitet er Entwicklungshelfer und Diplomaten auf Einsätze in Pakistan vor. Im Februar erschien im Pendo Verlag sein Buch „Der Pakistan-Komplex – Ein Land zwischen Niedergang und Nuklearwaffen“.

welt-sichten 2/3-2008