Ein Vordenker aus China
Justin Yifu Lin wird Chefökonom der Weltbank
Von Tillmann Elliesen
Als Robert Zoellick im vergangenen Jahr Weltbank-Präsident wurde, fragte ihn ein Journalist, ob er seine eigenen Leute mitbringen werde. „Ich habe keine Leute. Ich habe zwei Katzen und zwei Kaninchen“, antwortete der frühere US-Diplomat – und stellte so klar, dass er eine umsichtigere Personalpolitik betreiben würde als sein Vorgänger Paul Wolfowitz. Das hat er jetzt erneut bewiesen: Kürzlich ernannte er den ersten Chinesen zum Chefökonomen der Bank.
Justin Yifu Lin übernimmt Ende Mai die Forschungsabteilung der Weltbank. Die Berufung ist bereits auf den ersten Blick eine kleine Sensation: Der 56-Jährige ist der erste Mann auf diesem Posten, der nicht aus den USA oder aus Europa kommt. Zwar hat der Weltbank-Chefökonom keine echte Entscheidungsgewalt, aber die Besetzung wird in der internationalen Entwicklungspolitik Spuren hinterlassen.
Die Ernennung Lins bedeutet eine Einladung an die Volksrepublik, sich stärker in die Strukturen der „alten“ Geberländer zu integrieren und sich mit ihnen abzustimmen. Dem Westen wiederum signalisiert Zoellicks Entscheidung, er möge China auf der entwicklungspolitischen Bühne willkommen heißen, statt Pekings Politik, besonders in Afrika, nur als Bedrohung wahrzunehmen. Im Internationalen Währungsfonds, der Schwesterorganisation der Weltbank, feilschen die reichen Länder seit Jahren darum, wer zugunsten von China und anderen aufstrebenden Ökonomien auf Stimmrechte verzichten sollte. Zoellick dagegen schafft Fakten und reicht Peking die Hand.
Lin steht für eine entwicklungspolitische Strategie, die die zentrale Rolle des Staates und der Landwirtschaft betont. Die Erkenntnis, dass der Markt Regeln und Grenzen braucht und dass wirtschaftspolitische Rezepte nicht für alle Länder gleichermaßen taugen, beeinflusst schon seit längerem die Weltbank-Politik – auch wenn manche das nicht sehen wollen. Diesen Kurs wird der neue Chefökonom verstärken. Gleiches gilt für den Stellenwert ländlicher Entwicklung, den die Bank lange ignoriert hat und erst seit dem Amtsantritt Zoellicks wieder stärker beachtet.
Bedenklich stimmen jedoch die Ansichten des neuen Chefökonomen zur Demokratisierung. Lin geht davon aus, dass die politische Liberalisierung automatisch der wirtschaftlichen Entwicklung folgt. Dass politische Freiheiten aktiv gefördert und unter Umständen erkämpft werden müssen, ist in seinem Denken nicht vorgesehen. Es wäre gut, wenn der Chinese aus westlicher Sicht unkonventionelle Ideen in die Weltbank bringt. Es wäre jedoch schlecht, wenn die Doktrin vom freien Markt lediglich durch die fernöstliche Sichtweise von der Zweitrangigkeit der Demokratie ersetzt würde. (ell)
