Kirchen und Systemwechsel
Christine Lienemann-Perrin/
Wolfgang Lienemann (Hg.)
Kirche und Öffentlichkeit in Transformationsgesellschaften
Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2005,
504 Seiten, 35,00 Euro
Seit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems ist das Thema „Transition“der Übergang vom Sozialismus zur liberalen Demokratie in den Mittelpunkt politikwissenschaftlichen Interesses gerückt. Dabei fällt auf, dass zwar die wachsende Bedeutung von zivilgesellschaftlichen Organisationen wahrgenommen, aber die Rolle religiöser Institutionen kaum behandelt wird. Deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass die HerausgeberTheologen der Universitäten Bern und Basel – dieses Thema unter Mitarbeit von Wissenschaftlern verschiedener Länder aufgreifen.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Der erste beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen, der zweite mit Länderstudien und der dritte mit der öffentlichen Verantwortung der Kirchen in vergleichender Perspektive. Grundlage der vergleichenden theoretischen Untersuchungen sind die Länderstudien des zweiten Teils über Südafrika, Mosambik, Brasilien, Korea, die Philippinen und Indonesien.
Das Buch ist von der Absicht geleitet, die Ergebnisse der ökumenischen Sozialethik mit denen der Politikwissenschaft zu verbinden und das Augenmerk auf die Rolle sozialer Institutionen zu lenken, zu denen auch die Kirchen gehören. An zwei Beispielen werden zudem juristische Überlegungen zum Schutz der Menschenrechte im Völkerrecht und zum Einsatz der Kirchen für diese Rechte angestellt. Leider wird dem Thema Rechtsstaatlichkeit, das meistens hinter das Interesse für Demokratisierung zurücktritt, keine eigenständige systematische Betrachtung geschenkt.
Drei von den untersuchten Ländern (Mosambik, Indonesien und die Philippinen) kämpfen nach wie vor mit Problemen infolge der Transition. Beatrice Lienemann kennzeichnet sie alle als „unvollständig konsolidierte Demokratien“, betont aber die Unterschiede der jeweiligen Probleme und Rahmenbedingungen. Diese markieren den Spielraum der Kirchen - vor allem der kleinen Gruppen von Bildungseliten innerhalb der Kirchen -, Transitionsprozesse zu beeinflussen. Christine Lienemann-Perrin erläutert zum Schluss das Konzept einer in die Öffentlichkeit wirkenden Theorie in Transformationsprozessen in Afrika, Lateinamerika und Asien, woraus Christoph Stückelberger Konsequenzen für die kirchliche Entwicklungspolitik zieht. Er fordert unter anderem die Demokratisierung patriarchalischer Kirchenstrukturen, eine stärkere ökumenische Zusammenarbeit in Theologie und Ethik sowie ein wirksameres Vorgehen der Kirchen gegen Korruption in den eigenen Reihen - ein Problem, dem auch die Geber mehr Aufmerksamkeit widmen müssten.
Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Diskussion über die Rolle der Kirchen und anderer religiöser Institutionen in Transformationsprozessen. Seine Beiträge bringen die vergleichende Religionssoziologie und die Transformationsforschung zu nichtwestlichen Ländern ein gutes Stück voran.
Gerhard Grohs
