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Mehr politischer Einspruch gefragt

Fachtagung zum 50. Jubiläum von Misereor betont das Engagement in Deutschland

Von Bernd Ludermann

Einen hohen Anspruch an die Arbeit kirchlicher Entwicklungsarbeit hat der Fachkongress formuliert, mit dem das katholische bischöfliche Hilfswerk Misereor im Januar die Aktionen und Feiern zu seinem 50-jährigen Bestehen eröffnet hat. Bemerkenswert war, dass praktisch alle Beteiligten es als vordringlich bezeichneten, in der eigenen Gesellschaft politisch Stellung zu nehmen.

Solche Stellungnahmen seien nicht nur erforderlich, wenn es um Welthandelsregeln und die Höhe der Entwicklungshilfe gehe: Angesichts des Klimawandels müsse auch der Lebensstil in den Industrieländern in Frage gestellt werden, hieß es immer wieder. Die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul, lobte Misereor, weil es die Frage schon vor über zehn Jahren gestellt habe. Der frühere Bundesumweltminister und ehemalige Leiter des UN-Umweltprogramms Klaus Töpfer nannte den Klimawandel „ökologische Aggression“ gegen den Süden; man müsse nun auch „Maß halten“ bei uns zum Thema machen.

Sven Giegold, Mitgründer und Sprecher von attac Deutschland, sah das im Grundsatz ähnlich. Er verlangte aber, kirchliche Werke müssten auch die unangenehmen Folgen solcher anerkannter Prinzipien deutlich aussprechen – zum Beispiel dass, wenn weniger Luxuskarossen gefahren werden, auch weniger in Deutschland gebaut werden. Erzbischof Werner Thissen, der Vorsitzende der Bischöflichen Kommission für Misereor, erwiderte, gerade die Kirchen hätten die Kraft, unangenehme Wahrheiten auszusprechen; allerdings dürfe man dabei nicht polemisieren und Fronten aufbauen. Das räumte Giegold ein. Er fragte aber, ob Misereor bei politischen Äußerungen nicht auch auf mögliche Reaktionen der Spenderschaft Rücksicht nehme.

Misereor weiche Konflikten nicht aus, erklärte der Geschäftsführer des Werks, Martin Bröckelmann-Simon, im Ausblick auf entwicklungspolitische Aufgaben der Zukunft. Auch er betonte, dass die Überwindung der globalen Ungerechtigkeit Selbstbeschränkung im Norden voraussetze. Misereor mische sich daher etwa in die deutsche Energie- und Rohstoffpolitik ein. Inwieweit das über das Entwicklungswerk hinaus von der ganzen Kirche getragen wird, wurde kaum erörtert. Eine weitere offene Frage warf der Moderator Peter Frey vom ZDF am Ende auf: Wer sind die Mächtigen, denen ins Gewissen geredet werden soll? Ihm sei nicht ganz klar, ob man etwa Heidemarie Wieczorek-Zeul dazu zähle oder sie eher als Partnerin von Misereor behandele. Zudem, so Frey, müsse man sich mehr mit den Vorständen der großen Unternehmen auseinandersetzen.

welt-sichten 2/3-2008