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Süd-Süd-Konkurrenz

Reis aus Thailand überschwemmt Westafrika

Von Pascal Nufer

Billiger Reis aus Thailand bringt die Reisproduzenten in Afrika zunehmend in Schwierigkeiten. In Ghana kommt bereits jedes dritte Reiskorn aus dem südostasiatischen Königreich. Die Gewinner sind nicht etwa die thailändischen Reisbauern, sondern die Händler und Reismüller in Asien. Mit einer gemeinsamen Aktion versuchen Bauern beider Regionen, auf diesen Missstand aufmerksam zu machen.

Die Sonne steht senkrecht am Himmel und brennt auf die Stoppeln eines abgeernteten Reisfeldes. Dominic Kwotuak vermischt mit bloßen Händen einen Bund Stroh mit Erde und Wasser, während er konzentriert den Anweisungen eines thailändischen Reisbauern folgt. Dominic Kwotuak ist selbst Reisbauer, allerdings nicht in Thailand. Er stammt aus Ghana, einem der Länder Westafrikas, die bis vor kurzem noch vom Reis ihrer eigenen Produzenten leben konnten. Jetzt sind sie immer mehr vom Import abhängig „Thailands Reis macht unseren Markt komplett kaputt“, sagt Dominic Kwotuak und mischt weiter, was später selbst gemachter Dünger werden soll.

Diese Lektion in Bio-Landbau werde er zu Hause anwenden, versichert er. „Wir müssen lernen, unabhängig zu werden von Düngerproduzenten und Abnahmeverträgen mit großen Händlern. Nur so können wir in Westafrika dem Druck von außen, insbesondere dem aus Thailand standhalten“, sagt der 31-Jährige. Er ist der zweite Sohn einer Familie mit fünf Kindern. Seit er sich erinnern kann, betreibt sein Vater die Farm, auf der Dominic Kwotuak aufgewachsen ist. „Wir haben Glück, die Erträge der Farm reichen für uns alle.“ Hauptberuflich arbeitet Dominic Kwotuak als Forstingenieur und nur einen Teil seiner Zeit auf dem Hof seines Vaters. Doch bald wird er die Farm übernehmen. Darauf bereitet er sich vor. „Ich arbeite jetzt schon daran, unsere Produktion auf eine breite Grundlage zu stellen und nicht zu stark von Weltmarktpreisen abhängig zu machen“.

Neben dem Anbau von Bio-Reis, Mais, Karotten und Hirse zieht Dominic Kwotuaks Familie auch Rinder auf, sowohl für Fleisch- als auch für Milchproduktion. Es ist wohl dieser Vielfalt zu verdanken, dass es seiner Familie im Vergleich zu anderen Bauern in der Region gut geht. Sein Vater besitzt sogar zwei Traktoren, mit denen er seine Felder bearbeitet, die er aber auch an andere Bauern in der Nachbarschaft vermietet. Laut einer Studie über den Lebensstandard in Ghana sind vor allem die Bauern arm, die vom Pflanzenanbau leben. Nach Angaben des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) leben in den ländlichen Savannenregionen bis zu 70 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze.

 „Wir wollen dieser Entwicklung nicht länger zuschauen“, sagt Dominic Kwotuak, während er sich Erde und Stroh von den Händen wischt. Deshalb sagte er sofort zu, eine Delegation westafrikanischer Reisbauern nach Thailand zu begleiten. Ziel war es, mit den dortigen Produzenten, die den ghanaischen Markt überschwemmen, in einen Dialog zu treten. Als Vertreter eines kleinen Netzwerkes von Bauern aus seiner Region wollte er die Gelegenheit nutzen, auf die Situation in Ghana aufmerksam zu machen. Gleichzeitig erhoffte er sich neue Erkenntnisse für die eigene Produktion.

Initiiert hat den Austausch die thailändische nichtstaatliche Organisation Local Action Link, kurz Local Act, die sich seit längerem mit dem Thema Reisdumping befasst. Unterstützt wird die Organisation vom deutschen katholischen Hilfswerk Misereor, das die Austauschreise finanziert hat. Local Act konzentriert sich zwar in erster Linie auf der Situation im eigenen Land. Weil diese sich aber direkt auf die Abnehmerstaaten auswirke, habe sich der Austausch mit den Afrikanern angeboten, erklärt die Gründerin und Leiterin von Local Act, Samranjit Pongtip. „Es geht uns um Ernährungssouveränität.“

Jedes Land müsse selbst entscheiden können, wie hoch der Anteil an Eigenproduktion ist, sagt die Agrarexpertin. „Exportsubventionen, die die Ernährungssouveränität eines anderen Landes bedrohen, sollten verboten sein.“ In Thailand sei dies jedoch nicht der Fall. „Warum sonst wohl ist der thailändische Reis in Afrika billiger als hier? Weil die Exporte subventioniert werden“, so Samranjit Pongtip.

Genau da beginnt der Kampf, den die Kleinbauern mit den Regierungen ausfechten. Die thailändische Regierung zum Beispiel streitet die Subventionen schlicht und einfach ab, wie Dominic Kwotuak und seine Kollegen bei einem späteren Treffen im thailändischen Handelsministerium erfahren. Der Reis werde auf dem freien Markt gehandelt und die Preise würden von Angebot und Nachfrage bestimmt, lautet die lapidare Erklärung des thailändischen Außenhandelsverantwortlichen bei einem Treffen mit der afrikanischen Delegation. Darüber hinaus sei es oft gar kein thailändischer Reis, der auf den Märkten in Afrika als solcher deklariert sei, behauptet der Abgeordnete weiter. „Die Händler verkaufen Billigreis und füllen ihn einfach in thailändische Säcke ab“.

„Ich kann mir sogar vorstellen, dass das in einzelnen Fällen wahr ist“, räumt Dominique ein. Allerdings ist das seiner Ansicht nach nicht die Hauptursache für die große Menge Reis aus Thailand, die in Ghana verkauft wird. „Wir werden dem aber sicher nach­gehen.“

Die Leiterin von Local Act, Samranjit Pongtip, hätte sich als Ergebnis der Reise mehr gewünscht: zum Beispiel eine Petition an das thailändische Handelsministerium. „Es war aber schon gut, dass die afrikanische Delegation überhaupt mit thailändischen Regierungsvertretern reden konnte“, sagt sie. Die Vertreter des Handelsministeriums hätten so immerhin aus erster Hand erfahren, welche Folgen ihre aggressive Preispolitik für die Bauern in Afrika habe.

Denn obwohl die Zahlen eigentlich Bände sprächen, stehlen sich die Politiker und Handelsverantwortlichen ihrer Ansicht nach aus der Verantwortung. „Ein Land wie Thailand, das pro Jahr mehr als sieben Millionen Tonnen Reis exportiert, muss Verantwortung übernehmen, sowohl im Ausland als auch im eigenen Land.“ Immerhin sei Thailand der größte Reisexporteur der Welt.

Allerdings bleibt den thailändischen Bauern laut Local Act im Durchschnitt nicht einmal ein Viertel des Exportwertes. Die Exporte steigen zwar Jahr für Jahr. Doch weil zugleich die Preise fallen, verdienen die Reisbauern nicht mehr. Viele von ihnen müssen sich deshalb über kurz oder lang verschulden. Denn als einzigen Ausweg sehen sie oft die Aufnahme eines Kredits, um damit neues teures Saatgut zu kaufen, das höhere Erträge verspricht. „Damit beginnt dann die klassische Schuldenspirale“, so Samranjit Pongtip.

Laut einer Erhebung sind in Thailand trotz staatlicher Förderprogramme mehr als 60 Prozent der bäuerlichen Haushalte verschuldet. Das hätten Dominic Kwotuak und seine acht Kollegen aus Westafrika nicht erwartet. „Ich bin total überrascht, dass ich am Schluss meiner Reise sagen muss: Vielen Bauern hier in Thailand geht es wie uns, manchen sogar noch schlechter“, sagt Dominic Kwotuak. „Das hätte ich niemals gedacht. Dagegen müssen wir nun alle gemeinsam kämpfen, in unseren eigenen Ländern und in der internationalen Wirtschaftswelt“.

 

Pascal Nufer
ist Korrespondent für das Schweizer Fernsehen SF in Bangkok und arbeitet als freier Journalist für verschiedene Medien in der Schweiz und Deutschland.

welt-sichten 2/3-2008