„Wer von Demokratie spricht, wird zum Agenten des Westens erklärt“
Die Benachteiligung von Christen gehört zum Erbe des Kriegs in Afghanistan
Gespräch mit Marvin Parvez und Wajahat Latif
Die Diskriminierung von Minderheiten in Pakistan ist das schwere Erbe des Militärregimes unter General Muhammed Zia ul-Haq. Doch allmählich wachsen Solidarität und der Wille zum Widerstand.
Ihre Hilfsorganisation Church World Service hat vor den Wahlen in Pakistan ein Programm zur politischen Bewusstseinsbildung durchgeführt. Wie sah das aus?
Parvez: Wir haben vermittelt, wie wichtig es ist, zur Wahl zu gehen. Wir ermutigen die Menschen, sich an Entscheidungen zu beteiligen – sei es auf lokaler, regionaler oder nationaler Ebene. Zudem ist es uns wichtig, im Ausland über die Entwicklungen in Pakistan zu informieren, etwa den Bundestag in Berlin oder das Europaparlament in Brüssel.
Präsident Musharraf hat während des Notstandes im vergangenen Jahr auch die Arbeit der Medien stark eingeschränkt. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Latif: Wir haben eine wichtige Informationsquelle verloren. Während des Notstandes konnten die Fernsehsender politische Ereignisse nicht live übertragen. Darüber hinaus verschwanden zahlreiche Journalisten, wurden festgenommen oder sogar ermordet. Westliche Beobachter verweisen auf die kritischen Kommentare in unseren Zeitungen und schließen daraus, dass Pakistan über freie und unabhängige Medien verfügt. Aber das ist nicht der Fall.
Wo liegen die größten Probleme für eine christliche Organisation in Pakistan?
Parvez: Pakistan war historisch gesehen eine tolerante Nation. Westliche Demokratien haben jedoch unabsichtlich die Islamisierung unter General Mohammed Zia ul-Haq gefördert, indem sie den Kampf gegen die russische Besatzung in Afghanistan unterstützten. Die islamistischen Kämpfer in Afghanistan und die Parteien, die in dieser Zeit unterstützt wurden, sind zu Ungeheuern geworden, die die Bevölkerung in Pakistan heute bedrohen.
Latif: Die Diskriminierung begann in den 1980er Jahren. Bis dahin hatten wir keine Schwierigkeiten. Die zehn Jahre währende Unterstützung des afghanischen Dschihad hat die Ausgrenzung von Christen in Pakistan befördert. Als die Russen 1989 abzogen, blieb uns dieses schwere Erbe.
Parvez: In unserer Organisation arbeiten Frauen und Männer verschiedenen Glaubens zusammen. Wir hatten nie Probleme im Umgang mit kirchlichen Einrichtungen oder islamischen Gruppen, noch nicht einmal mit den Stämmen in den nördlichen Provinzen. Dort werden wir als christliche humanitäre Organisation wahrgenommen, nicht als Organisation, die eine westliche Agenda verfolgt. Problematisch ist, dass lokale Verwaltungen oder die Regierung nichtstaatliche Organisationen insgesamt in ein schlechtes Licht rücken, weil sie sich für die Wahrung der Menschenrechte einsetzen. Sie sagen, wenn man über Frauenrechte spricht, verstößt das gegen die Kultur oder gegen die Religion. Spricht man über Demokratie, ist man ein Agent des Westen. Das ist die Propaganda derjenigen, die ihre Interessen bedroht sehen.
Erfahren Sie Diskriminierungen aufgrund Ihres Glaubens?
Parvez: In Pakistan machen Christen nur ein Prozent der Bevölkerung aus. Die meisten sind Pandschabi, aber sie leben über das ganze Land verstreut, vor allem in den Städten. Vor 1980 gehörten der Oberste Richter, der Vorsitzende der Nationalversammlung und der Führer der Armee verschiedenen Minderheiten an. Es war eine sehr tolerante Umgebung. Heutzutage diskriminieren die islamischen Gesetze von Zia-ul-Haq alle, die keinen Einfluss haben. Das Gesetz gegen Blasphemie zum Beispiel wurde zu Beginn nur gegen Christen angewandt. Heute wird in 73 Prozent der Fälle Anklage gegen Muslime erhoben.
Latif: Es gibt wenige Christen in führenden Positionen. Aber viele Christen mit einer guten Ausbildung sind höhere Angestellte. Einige der angesehensten Colleges im Pandschab werden von christlichen Missionen betrieben. Sie leisten sehr gute Arbeit.
Die Fragen stellte Gesine Wolfinger
Marvin Parvez ist Direktor der christlichen Hilfsorganisation Church World Service Afghanistan/Pakistan. Die Organisation arbeitet seit mehr als 50 Jahren in den beiden Ländern und wird unter anderem vom Evangelischen Entwicklungsdienst unterstützt.
Wajahat Latif arbeitet als Berater bei Church World Service und als Journalist. Er war an der Entwicklung einer nationalen Anti-Korruptionsstrategie beteiligt.
