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Arbeiten mit geschlossenen Augen

Pun Ngai und Li Wanwei
Dagongmei.
Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erzählen
Assoziation A, Berlin und Hamburg 2008,
257 Seiten, 18 Euro


Zu Zeiten Mao Zedongs wurden Arbeiter in der Regel als „gongren" bezeichnet, als „Arbeit-Menschen". In den vergangenen zwanzig Jahren sind jedoch „da-gongmei" und „dagongzai" in China zu häufig verwendeten Vokabeln geworden. „Dagong" heißt „für den Chef arbeiten"; „zai" bedeutet Sohn, „mei" kleine Schwester. Arbeitende Schwestern, so die wörtliche Übersetzung von dagongmei, sind die Millionen zumeist junger Frauen, die vom Land in die Städte ziehen, um dort in Weltmarktfabriken zu arbeiten.

Pun Ngai und Li Wanwei haben einige davon interviewt und ihre Geschichten aufgeschrieben. Wanderarbeiterinnen werden auch als mangliu, als „blinder Fluss" bezeichnet - weil nur ihre Körper zählen. „Ich muss meinen Kopf nicht mehr gebrauchen. Ich mache seit zwei Jahren dasselbe. Dinge kommen und gehen, wiederholen sich jede Sekunde und Minute. Ich kann es mit geschlossenen Augen tun", erzählt eine von ihnen. Die Körper der Frauen werden an die Erfordernisse moderner Produktionssysteme angepasst. Bis ins kleinste Detail sei festgelegt gewesen, welche Haltung bei jedem Vorgang eingenommen werden musste, berichtet Pun Ngai, die im Rahmen einer Feldstudie selbst in einer Fabrik in Shenzhen gearbeitet hat.

In der Anfangszeit des postsozialistischen China trauten die Fabrikmanager den Arbeitskräften nicht, die in einem sozialistischen System groß geworden waren. „Bäuerliche Widerspenstigkeit und ineffizienter Kollektivismus, diese doppelte Unzulänglichkeit konnte doch nur faule und unproduktive Arbeitskräfte hervorbringen", so beschreibt Pun Ngai das Denken der Manager. Die taten alles, um die dagongmei zu disziplinieren und zu erziehen. Mit einigem Erfolg, jedenfalls hat sich zwischen 1978 und 2006 der Anteil Chinas am Weltexport von 0,8 auf 8,0 Prozent verzehnfacht.

Die Erzählungen der Arbeiterinnen zeigen aber, dass sich der Kopf doch nicht so leicht vom Körper trennen lässt: Die dagongmei sind nicht nur fügsame Mädchen mit flinken Fingern, heute sind sie sogar lauter, fordernder und militanter als die Generation zuvor. Ihre Löhne sind kontinuierlich gestiegen, mit Zuwachsraten von etwa 20 Prozent in den Jahren 2005 und 2006. Ob das auch in der globalen Wirtschaftskrise so bleibt, kann das Buch nicht beantworten, zumal die chinesische Ausgabe bereits 2006 erschienen ist. Aber die Erzählungen der Frauen sind in jedem Fall lesenswert. Es geht in ihnen nicht nur um Erfahrungen und Kämpfe am Arbeitsplatz, sondern auch um ganz andere Dinge, etwa eine sorglose Kindheit, unerwartete Liebe, Ausgehen und Spaß haben oder Stolz auf sich selbst. Man kann sie einfach als Geschichten über das Leben junger Frauen in China lesen.


Anja Ruf

welt-sichten 03-2009