Der Glanz des Piloten
Das jordanische Drama „Captain Abu Raed" weckt Hoffnung auf ein besseres Leben
Der Witwer Abu Raed arbeitet als Reinigungskraft am Flughafen der jordanischen Hauptstadt Amman. Als er eines Tages eines weggeworfene Pilotenmütze findet und aufsetzt, halten ihn einige Kinder des ärmlichen benachbarten Viertels für einen Flugkapitän. Sie fordern ihn auf, ihnen abenteuerliche Geschichten aus aller Welt zu erzählen. Der Alte weigert sich zunächst, findet dann jedoch Gefallen an der Idee und wird zu Captain Abu Raed. Er zieht die Kinder mit seinen „Erlebnissen" in fernen Ländern in den Bann, die aus Büchern oder kurzen Gesprächen mit Reisenden stammen. 21 Preise, darunter den World Cinema-Publikumspreis des renommierten Sundance Filmfestival 2008, hat das jordanische Außenseiterdrama „Captain Abu Raed" bisher erhalten. Der erste lange Spielfilm von Amin Matalqa wurde sogar als erster Film aus Jordanien für den Auslands-Oscar vorgeschlagen. In den deutschen Kinos läuft die märchenhafte Geschichte am 12. März an.
Abu Raed nimmt zunehmend Anteil an den Sorgen und Nöten der Mädchen und Jungen. Zu seinem größten Widersacher wird der Außenseiter Murad, der von seinem alkoholkranken Vater immer wieder verprügelt wird. Als einziger kennt er Abu Raeds Geheimnis und entlarvt ihn schließlich als Lügner. Die Haupthandlung wird durch sporadische Begegnungen zwischen Abu Raed und der attraktiven Stewardess Nour unterbrochen, die schon Mitte dreißig, zum Leidweisen ihrer wohlhabenden Familie aber noch immer nicht verheiratet ist. Nour fasst Vertrauen zu dem alten Mann, der ihr rät, ihre eigenen inneren Stimme zu folgen. Die junge Frau gibt am Ende die entscheidende Hilfestellung, als Abu Raed, der Murads Verrat verziehen hat, den Jungen, dessen kleinen Bruder und die misshandelte Mutter vor dem gewalttätigen Vater rettet.
Der Autor, Regisseur und Produzent Amin Matalqa, der in Jordanien aufwuchs und im Alter von 14 Jahren mit seiner Familie in die USA auswanderte, schlägt unverkennbar märchenhafte Töne an. Er kombiniert sie jedoch mit sorgfältig ausgewählten Impressionen aus Amman, die einen anschaulichen Einblick in die Lebensumstände der ärmeren Bevölkerung ermöglichen. Gerade weil das karge Milieu den Kindern wenig Raum zur Entfaltung bietet, ergreifen sie umso entschlossener die Chance, durch die farbenfrohen Erzählungen des fabulierfreudigen „Piloten" in das Reich der Phantasie zu entfliehen.
Abu Raed, einfühlsam dargestellt von dem in Großbritannien lebenden Nadim Sawalha, bleibt kein bloßer orientalischer Märchenonkel, sondern tröstet die traurigen Kinder und versucht, ihnen in ihrer Not zu helfen. Er spürt genau, wann er nur zuhören soll und wann sein Rat gefragt ist. Zwei Mal setzt er sich aus Mitleid bei den Vätern der beiden Jungen Tarek und Murad ein. Bei Tareks Vater wirbt er dafür, den Jungen zur Schule gehen zu lassen und von der perspektivlosen Aushilfsarbeit zu verschonen. Er zeigt die Gewaltausbrüche von Murads Vater bei der Polizei an, die den Vorwürfen zwar nachgeht, sich bei einem Ortstermin aber rasch mit Ausreden abspeisen lässt. Für arabische Verhältnisse geht der „Captain" zu weit, indem er die fast unumschränkte Machtstellung des Familienvaters missachtet und ihm die Kontrolle über seine Ehefrau und die Kinder entzieht. Abu Raed ist sich bewusst, dass dieser Affront gegenüber dem alkoholsüchtigen, aber sehr traditionsverbundenen Abu Murad zu blutigen Konsequenzen führen muss.
Abu Raed und Abu Murad symbolisieren zugleich die beiden extremen Pole der gesellschaftlichen Entwicklung. Hier das moderne prowestliche Lager mit einem liberalen Islam, dort das konservative antiwestliche Lager mit einem intoleranten Islam. Zur beschränkten Weltsicht Abu Murads passt auch die resignative Haltung seines Sohnes Murad, der einmal sagt: „Leute wie wir werden keine Piloten." Genau dieser Fatalismus wird in einer knappen Rahmenhandlung widerlegt: Der erwachsene Murad arbeitet als Pilot und verkörpert so den warmherzigen Grundton der Hoffnung auf soziale Verbesserungen, der den Film trotz der geschilderten desolaten Zustände überstrahlt.
Reinhard Kleber
