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Historisches Meisterstück

Abdelwahab Meddeb
Die Krankheit des Islam
Unionsverlag, Zürich 2007,
252 Seiten, 9,90 Euro


Dieses Buch - sachlich tolerant, spannend, historisch und aktuell - ist in kurzer Zeit weltweit ein Klassiker geworden. Dem Tunesier Abdelwahab Meddeb gelingt der Spagat, weil er selbst in verschiedenen Welten daheim ist. Mit einer Ehrlichkeit und Selbstverständlichkeit kann er Themen aufgreifen, die bei anderen rote Köpfe erzeugen würden. Der Schriftsteller und Historiker geht davon aus, dass „jede Gruppe ihre Krankheit" hat.

Er beschreibt, wie es zur Schwächung des Islam kam, damit verbunden zur Unsicherheit und zu immer neuen Abzweigungen bis zum heutigen Fanatismus. „Der hier erläuterte Werdegang soll das anthropologische Umfeld beschreiben, in das die Terroristen hineingeboren wurden", so Meddeb - von einer schicksalhaften Vorausbestimmung will er jedoch nichts wissen. Im ersten Teil des Buches setzt er sich mit der These auseinander, dass die islamische Welt den Verlust der Macht noch immer nicht verkraftet habe. Wer nur diesen Teil lesen würde, hätte schon viel gewonnen. Denn er geht bis ins 10. Jahrhundert zurück und setzt nicht wie andere Bücher zum Thema beim Kolonialismus ein. Im zweiten Teil, der „Genealogie des Fundamentalismus", setzt Meddeb seine messerscharfe Analyse fort. Nie weicht er dabei der Realität aus: „Ein grosser Teil der Geschichte des Islam trug sich in der gewalttätigen Atmosphäre des Bürgerkriegs zu." Auch die Art, wie Meddeb den Dschihad, den Heiligen Krieg, abhandelt, einmal geistlich, ein anderes Mal physisch, ein drittes Mal politisch, ist ein Meisterstück der Bewegung auf verschiedenen Ebenen.

Das Fazit lautet: Es geht heute nicht mehr, Staat und Religion, Politik und Glauben in einer mittelalterlichen Einheit zu belassen. Daraus folgt jedoch längst nicht automatisch unsere westliche Aufklärung oder gar die Demokratie. Beide, „Fundamentalismus wie Okzident" müssen sich hinterfragen und nüchterner werden. Der Mensch muss unterscheiden lernen; differenzieren statt verallgemeinern. Immer wieder kommt der wohl eher sufitisch geprägte Autor auf Voltaire und dessen „Traktat über die Toleranz" zurück: „...dass man diese Krankheit des Verstandes (Besessenheit) der Heilung der Vernunft überlässt, welche die Menschen langsam, aber untrüglich aufklärt".


Al Imfeld

welt-sichten 03-2009