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Lateinamerika: Mit Steuern mehr umverteilen

Wenn Amerika niest, bekommt die Welt Schnupfen - und Lateinamerika bekommt Schnupfen mit Fieber. So sagt man. In der gegenwärtigen Finanzkrise allerdings steht Lateinamerika besser da als die meisten anderen Weltregionen. Seit Beginn der 1990er Jahre haben die meisten Staaten des Subkontinents einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung verzeichnet, die Staatsverschuldung ist zurückgegangen.

Auch die Armutsbekämpfung ist vorangekommen, allerdings nicht so schnell wie der ökonomische Aufschwung. Noch immer ist die Kluft zwischen Arm und Reich in keiner anderen Weltregion so groß wie in Lateinamerika. Sollte die Finanzkrise auch auf Lateinamerika voll durchschlagen, so die Befürchtung von Experten, könnte das Konfliktpotenzial, das in der extremen sozialen Ungleichheit liegt, viele Länder schwer ins Schlingern bringen.

Der neue Wirtschaftsausblick für Lateinamerika des OECD Development Centre legt den lateinamerikanischen Staaten deshalb eindringlich nahe, ihre Bemühungen um sozialen Ausgleich zu steigern - und das verlange vor allem, die Steuerpolitik zu verbessern. Zwar stelle sich die Situation von Land zu Land unterschiedlich dar; die wirtschaftliche Situation etwa in Brasilien sei ganz anders als in Bolivien. Unterm Strich konstatiert der Bericht jedoch: Sowohl die Steuereinnahmen-Politik als auch die staatliche Ausgabenpolitik bleiben weit hinter den Möglichkeiten zurück, die die Wirtschaft insgesamt böte.

Laut Statistiken werden zwar - in ähnlichem Unfang wie in den OECD-Ländern - Steuern auf Güter erhoben. Gemessen am Bruttonationalprodukt machen Steuern auf Einkommen in Lateinamerika aber durchschnittlich nur rund vier Prozent aus - gegenüber mehr als zwölf Prozent in den OECD-Ländern. Die Folge sei nicht nur eine ungenügende Umverteilung des Volkseinkommens von den Reichen zu den Ärmsten, so der OECD-Report. Auch die staatliche Finanzierung der Alterssicherung sowie von öffentlichen Dienstleistungen wie Gesundheit oder Bildung komme zu kurz.

Fazit des Outlooks: Steuersysteme, die zu wenig zum Kampf gegen Armut und Ungleichheit beitragen, schwächen den Rückhalt für die Demokratie und ihre Institutionen.


(di)

welt-sichten 03-2009