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welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

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Treibhaus neuer Ideen

Anne-Marie Holenstein, Regula Renschler und Rudolf Strahm
Entwicklung heisst Befreiung.
Erinnerungen an die Pionierzeit der Erklärung von Bern
Chronos Verlag, Zürich 2008,
335 Seiten, 22 Euro/36 sFr


Als „entwicklungspolitische Rückversicherungsanstalt der Schweiz" hat Bundesrat Moritz Leuenberger einst die Erklärung von Bern (EvB) bezeichnet. Als „ein kreatives Treibhaus" empfanden Anne-Marie Holenstein, Regula Renschler und Rudolf Strahm die Zeit, in der sie als leitende Sekretäre maßgeblich am Aufbau der entwicklungspolitischen Institution beteiligt waren. Der Kalte Krieg, aber auch der Aufbruch, den die 1968er Bewegung ihm entgegensetzte, waren der Nährboden, auf dem zunächst das von progressiven Theologen verfasste Manifest „Erklärung von Bern" wuchs. Es forderte die Kirchen auf, sich für einen Stopp des Rüstungswettlaufs einzusetzen und zumindest einen Teil der nationalen Militärbudgets in internationaler Übereinkunft für die Entwicklungshilfe abzuzweigen.

Die EvB machte es sich zum Auftrag, die Thesen dieses Manifestes, die eine ganzheitliche Betrachtung der Nord-Süd-Beziehungen und die Forderung nach gerechteren Handels- und Finanzbeziehungen einschlossen, in die Praxis umzusetzen. Ihr Motto: „Entwicklung heisst Befreiung". Das konnte in einem ideologisch verhärteten Umfeld nicht ohne Widerstand über die Bühne gehen und rief insbesondere auch rechtsbürgerlich orientierte Kirchenmitglieder bis in die höchsten Gremien auf den Plan.

Dass die Entwicklung der anfänglich heftig umstrittenen, um nicht zu sagen angefeindeten Institution dennoch zur Erfolgsgeschichte geworden ist, ist nicht zuletzt das Verdienst der drei Autoren des vorliegenden Buches. Sie schildern darin aus sehr persönlicher Sicht und anhand von Dokumenten, wie sie mit Hartnäckigkeit, aber auch der Fähigkeit, aus Niederlagen Kraft und neue Ideen zu gewinnen, ihren Zielen und Vorstellungen Schritt für Schritt näher kamen: Rudolf Strahm als Stratege und Initiator öffentlichkeitswirksamer Aktionen; Anne-Marie Holenstein als Expertin für Armutsbekämpfung und Koordinatorin auf internationalem Parkett; Regula Renschler als beherzte Kämpferin gegen Rassismus und als Kulturvermittlerin. Das geschieht ohne Eigenlob, sondern selbstkritisch und ohne Scheu, Niederlagen und Fehlentwicklungen einzugestehen.

Das Buch ist daher weit mehr als eine schön geschriebene Chronik zur Entstehungsgeschichte und Wirkungsweise der EvB. Es weitet den Blick auf eine Epoche, in der sich unter Einmischung einer kämpferischen und zunehmend kompetenten Zivilgesellschaft - allen voran handlungsorientierte und pragmatisch vorgehende Frauengruppen und kirchliche Basisgruppen - eine schweizerische Entwicklungspolitik zu etablieren begann, die auf den drei Pfeilern Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ruht. Der damit eingeleitete Prozess blieb nicht ohne Rückschläge, aber er geht weiter; nicht zuletzt dank einer „Erklärung von Bern", die sich auch derzeit mit entwicklungspolitisch geschickten Interventionen und zukunftsorientierten Aktionen - meist in Zusammenarbeit mit anderen nationalen oder internationalen Akteuren der Zivilgesellschaft - Gehör verschafft.


Urs A. Jaeggi

welt-sichten 03-2009