Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
diesen Winter redet sogar die Deutsche Bahn vom Wetter - notgedrungen: Berufspendler wie Fernreisende stöhnen seit Wochen über Verspätungen, Zugausfälle und übervolle Waggons. Die Entschuldigungen der Bahn beginnen stets etwas zerknirscht mit dem Wörtchen „witterungsbedingt", was in einem High-Tech-Wirtschaftsstandort mit gemäßigtem Klima wie Deutschland doch ein ziemlicher Offenbarungseid ist. Verkehrsminister Peter Ramsauer hat schon kundgetan, dass er dafür keinerlei Verständnis hat: Er erwarte, dass in Deutschland gebaute Lokomotiven sowohl bei minus 40 Grad in Sibirien als auch bei plus 40 Grad auf der arabischen Halbinsel fahren.
Auch in anderen Weltregionen ist die Fortbewegung von A nach B, etwa von zu Hause zum Arbeitsplatz oder von der Stadt zur Familie auf dem Land, mitunter eine mühsame Angelegenheit. Aber während der frustrierte deutsche Bahnfahrer grummelnd die Entschädigung für die ICE-Verspätung beantragt und sich danach vielleicht noch im Zorn das neue „Schwarzbuch Bahn" kauft, helfen die Menschen in ärmeren Ländern sich mangels Alternativen häufig selbst. Ohne die privat betriebenen Minibus-Taxis beispielsweise ginge in vielen Ballungsgebieten auf der Südhalbkugel dieser Welt nichts mehr. Ähnliches gilt für die Rikschas in Südasien sowie für die wachsende Zahl von Fahrradtaxis in Ostafrika.
Höhere Investitionen in Verkehrswege und Transportmittel in Entwicklungsländern sind dennoch dringend geboten. Sie müssen aber den örtlichen Bedingungen und Bedürfnissen angepasst sein. Es ist unsinnig, in Afrika den Individualverkehr zu fördern, wenn nur eine kleine Minderheit sich ein Auto leisten kann. In vielen Großstädten Lateinamerikas erfreuen sich schnelle Metro-Busse als Alternative zum Auto wachsender Beliebtheit. Das war nicht immer so: In der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá musste die Armee anfangs die Busspuren von Autofahrern freihalten.
Um ein Verkehrsmittel geht es auch im ersten „welt-sichten"-Rätsel. Sie finden es auf unserer neu gestalteten „Seite Sechs" - künftig jeden Monat und immer mit Bezug zum jeweiligen Schwerpunktthema. Die Lektüre von „welt-sichten" weitet den Horizont und soll Spaß machen. Wir hoffen, dass Sie sich mit der neuen „Seite Sechs" gut unterhalten fühlen - und mit allen anderen Beiträgen in diesem Heft so gut informiert wie üblich.
Tillmann Elliesen
Redakteur


