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Mut wird gebraucht, kein schlechtes Gewissen

Klimaschützer haben derzeit einen schweren Stand – und sind daran selbst nicht unschuldig

Die Mammutkonferenz von Kopenhagen mutet wie ein Spuk in ferner Vergangenheit an, von dem keiner mehr reden will. Und dann patzt auch noch der Weltklimarat IPCC und nährt Zweifel an der Verlässlichkeit seiner Arbeit. Die Häme, die Verfechtern des Klimaschutzes jetzt entgegenschlägt, hat auch mit der moralischen Überheblichkeit zu tun, mit der sie ihr Anliegen teilweise vertreten.

Hans Joachim Schellnhuber sagt, es sei „töricht“, die Pannen beim Weltklimarat zum Anlass zu nehmen, den Klimawandel in Frage zu stellen – und er hat recht damit: Die Fehler im jüngsten IPCC-Bericht – unter anderem ein Zahlendreher in der Prognose zum Abschmelzen der Himalaya-Gletscher und nicht belegte Daten zu drohenden Hungersnöten in Afrika – stehen im zweiten Teil des Berichts, der sich mit möglichen Folgen des Klimawandels befasst. Der erste Teil, der den Stand der Klimaforschung wiedergibt und in den nur wissenschaftlich begutachtete Stellungnahmen einfließen, ist nicht betroffen.

Andererseits macht es sich der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung zu leicht, wenn er die Einwände der jetzt wieder Morgenluft witternden Klimaskeptiker etwas überheblich abtut, man wolle sich eben das billige Autofahren, den Urlaub in Miami und den Kaffee unterm Heizpilz nicht vermiesen lassen. Überheblich ist daran, dass Schellnhuber den Lebensstil der Menschen in den reichen Industrieländern auf dekadenten Luxus und das sinnlose Verprassen von Energie reduziert. Leider findet sich dieser Zungenschlag auch bei vielen anderen Klimaschützern.

Ein Kurswechsel ist dringend nötig, keine Frage. Aber es ist falsch, den wirtschaftlichen Aufstieg der westlichen Welt rückblickend einzig als historische Fehlentwicklung und moralische Katastrophe zu qualifizieren. Die vergangenen 150 Jahre in Europa und Nordamerika sind nicht zuletzt ein Beispiel sehr erfolgreicher Armutsbekämpfung in großem Stil. Klimaschützer ignorieren das häufig, wenn sie im Brustton der Empörung nicht nur auf der Verantwortung der reichen Welt für den Klimawandel bestehen, sondern ihr gar die „Schuld“ an Hungernden in Afrika und Flut­opfern in Asien geben.

Seit dem Debakel in Kopenhagen werden die Stimmen lauter, die eine Abkehr von der bisherigen Klimapolitik fordern: Es sei sinnlos, auf Vorgaben von oben und auf ein globales Übereinkommen zu warten. Klimaschutz müsse jetzt von unten kommen: von einzelnen Ländern, Regionen, Kommunen, ja von jedem von uns. Das ist einen Versuch wert. Aber es funktioniert nur, wenn den Menschen Mut gemacht wird statt ein schlechtes Gewissen.


(ell)

welt-sichten 03-2010

 

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Georg Lohmann schrieb am 05.03.2010 um 14:50:39
Wohltuend an Ihren ?berlegungen ist der Verzicht auf plumpe Schuldzuweisung. Das nimmt den gr?nlichen Moralisten etwas Wind aus den Segeln. Es sei an deren Erfindungen "Waldsterben" und "Ozonloch" erinnert, zu denen jetzt die Erfindung der "Klimakatastrophe" kommt. Unbestritten wird es da, wo Menschen leben, immer w?rmer. Nun wird es Zeit dar?ber zu reden, dass es auch ohne menschliches Zutun immer w?rmer wird. Seit dem Ende der W?rmeiszeit, also seit ca. 15 000 Jahren, wird es auf der Nordhalbkugel st?ndig w?rmer. Der Ort an dem ich schreibe, war damals kilometerdick mit Eis bedeckt, w?hrend gleichzeitig die Menschen in der Sahara Krokodile und Nilpferde an die W?nde ihrer Behausungen malten. Man braucht nicht viel Grips, um zu erkennen, dass die so genannten gem??igten Klimazonen nach Norden wandern. Wenn Sie von "Kurswechsel" schreiben, dann kann ich mir vor allem eines vorstellen: Wir Informierten sollten uns weniger mit Ursachenforschung als mit der Bew?ltigung der Folgen besch?ftigen. Die Ursachenforschung hat bisher vor allem l?cherliche Schuldzuweisungen und kindische Abwehrvorschl?ge erbracht. Weniger Fleisch in Deutschland wird den Methananteil der Atemluft nicht verringern, denn aus den auftauenden Permafrostb?den entweicht doch etwas mehr Methan als aus den unschuldigen K?hen. Zu den Folgen der Zonenverschiebung geh?ren Wasserknappheit, Verlust von Agrarfl?chen, Zuwanderung von Hungerfl?chtlingen, um nur einige zu nennen. Wer fordert, den Verbrauch von fossiler Energie drastisch einzuschr?nken, muss auch die Folgen f?r den Wohlstand benennen. Reduzierung von CO2 um 40% bedeutet heute auch eine entsprechend geringe Wirtschaftsleistung. Vern?nftig denkende Menschen wollen auch weg von den fossilen Energien, aber nicht wegen des Klimas. Sie suchen und haben schon Alternativen, weil der Energiepreis Jahr um Jahr mehr von den verf?gbaren Einkommen wegnehmen wird. Das Klima k?nnen wir Menschen nicht sch?tzen, hier stimmen die Begriffe nicht, aber wir k?nnen uns vor gef?hrliche Spinnern distanzieren, die eine ruin?se Politik planen. Wir m?ssen und k?nnen uns auf die Folgen des Klimawandels einstellen, damit kann jeder schon heute anfangen. Etwa keine Mangos (aus Porto Rico)kaufen, bis sie hier wachsen.

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Tillmann Elliesen, welt-sichten schrieb am 08.03.2010 um 10:09:58
Ich finde, Sie machen genau den Fehler, den Hans Joachim Schellnhuber als "t?richt" bezeichnet - n?mlich das sprichw?rtliche Kind mit dem Bade auszusch?tten. Dass der Mensch seit 150 Jahren erheblich zum Klimawandel beitr?gt, l?sst sich doch heute nicht mehr ernsthaft bezweifeln. Ja, nat?rlich unterliegt das Klima langfristigen nat?rlichen Schwankungen, die beeinflussen zu wollen anmassend ist. Aber das befreit den Menschen doch nicht von der Verantwortung, so zu leben, dass auch die nachfolgenden Generationen einigerma?en zurecht kommen. Sie schreiben, die Forschung zu den Ursachen des Klimawandels haben unter anderem vor allem "kindische Abwehrvorschl?ge" hervorgebracht. Mag sein. Ebenso kindisch finde ich es aber, die Mitverantwortung des Menschen, also von uns allen, am Klimawandel abzustreiten - nach dem Motto: Ich war's nicht.

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Georg Lohmann schrieb am 08.03.2010 um 16:53:14
Mitverantwortung kann man nur ?bernehmen, wenn man f?r das Geschehene und Kommende mit verantwortlich ist. Weite Bereiche des Geschehens sind jedoch ohne wirksame Einflussm?glichkeit f?r den Einzelnen. Beispiel China. Jahrzehntelang wurden die Vertreter dieses Staats animiert, westliche Denkweisen und Produktionsmethoden zu ?bernehmen. Das war ein gutes Gesch?ft mit b?sen Folgen. Inzwischen ist es jedoch so, dass durch die Potenz dieses Riesen jede Einflussnahme von au?en fruchtlos bleibt. Niemand, kein Politiker und keine Organisation, kann verhindern, dass China immer mehr der begrenzten Grundstoffe vereinnahmt und der Rest der Welt steigende Preise bezahlt. F?hlen Sie sich mitverantwortlich f?r diese Fehlentwicklung? Nun Beispiele f?r Otto Normalmensch. Kaufen Sie Fr?chte, die mit spritsaufenden Gro?jets (140 000 Liter/Flug)aus Asien oder S?damerika angeliefert werden? Kaufen Sie Plastikspielzeug oder Teakholzm?bel aus Thailand? Will sagen, jeder bewusst Lebende hat Einfluss aufs Ganze, aber er beeinflusst nicht den Trend. Nat?rlich k?nnte man auch hier was ?ndern, aber das ist nicht das Thema. Was sich aber durchs schlechte Gewissen ?ndert, ist das Bewusstsein der Verbraucher, und das aus gutem Grund. Denn die Verbraucher zu Gl?ubigen zu formen, ist eine gute Grundlage, ihnen Produkte f?r gute Gef?hle zu verkaufen. Ich bezweifle nicht, dass die Menschheit mit ihrem Schaffen zum Klimawandel beitr?gt. Das tut sie ?berall, wo die belebte Natur gesch?digt wird. Wer den Urwald abholzt, ohne aufzuforsten, schafft wasserarme Fl?chen wie im Inneren Spaniens. Ich nehme Sie gern beim Wort, Herr Elliesen, wo tragen Sie "erheblich zum Klimawandel bei"? Und wenn Sie den Fehler entdeckt haben, wie machen Sie das Geschehene wieder r?ckg?ngig? Ihre Anregungen zum verantwortungsvollen HANDELN k?nnten f?r manchen praktikabel und neu sein. Dann w?rden Sie vielleicht zum Multiplikator. Wir sind uns einig, Klimawandel findet statt. Wir sind uns einig, jeder kann zur Bewahrung der Sch?pfung beitragen. Aber diese gut gemeinten Beitr?ge f?hren nicht zur Verlangsamung des Temperaturanstiegs. Wenn Sie nun ein Auto erwerben, das unter 130g/km bleibt, haben Sie vielleicht ein gutes Gef?hl. Aber es wird trotzdem jeden Tag mehr CO2 produziert. Wenn alle Deutschen sich ab sofort kleine Autos kaufen, verbessert sich auch nichts. Nur das alle etwas ?rmer geworden sind und weniger sicher unterwegs. Wenn Sie Ihrer Familie Radtouren statt Flugreisen verordnen, dann werden Chinesen, Inder und Brasilianer die Jets f?llen, die dauernd gr??er ausgeliefert werden. Das schlechte Gewissen und die Kopfschmerzen nach der Moralkeule verhindern das klare Denken. Lassen Sie uns erreichbare Ziele formulieren. Den CO2-Aussto? und die Erw?rmung der Biosph?re durch menschliches Zutun verhindern ist f?r die n?chsten Jahrzehnte kein erreichbares Ziel. Das f?r wirkungslose Ma?nahmen ausgegebene Geld fehlt schon jetzt an vielen Stellen.

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