Rebellion der Religion
Mark Juergensmeyer
Die Globalisierung religiöser Gewalt. Von christlichen Milizen bis al-Qaida
Hamburger Edition, Hamburg 2009,
485 Seiten, 35 Euro
Wenn von Gewaltakten die Rede ist, dann ist heute vielfach religiös motivierte Gewalt gemeint. Seit dem 11. September 2001 wird dabei meistens noch spezifischer von “islamistischer” Gewalt gesprochen. Die Berichte über die blutigen Anschläge in Afghanistan und im Nahen Osten, Überfälle und Entführungen in Nordafrika sind jüngste Beispiele dafür.
Aber geht es bei diesen Konflikten wirklich um Religion? „Angesichts der Dichotomie” zwischen den säkularen liberalen Demokratien und religiösen Gewaltaktivisten könnte man „zu dem Schluss gelangen, dass wir es hier mit einem neuen Kalten Krieg zu tun haben”, stellt Mark Juergensmeyer, der Direktor des Orfalea Center for Global and International Studies an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara, in der Einführung zu seinem jüngsten Buch fest. Mit diesem Band setzt der amerikanische Soziologe seine langjährigen Forschungen über Erscheinungsformen und Entstehungsgeschichte religiös motivierter Gewalt in Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus, Hinduismus und kleineren religiösen Gemeinschaften fort.
Dabei folgt er nicht der verbreiteten Fragestellung, welche den Religionen inhärente Faktoren sie zu Triebfedern von Gewalt machen. Vielmehr gilt sein Interesse jenen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, die die Voraussetzung dafür bieten, dass Religionen politische Macht entfalten können. Eine der Wurzeln „religiöser Rebellionen“ ist laut Juergensmeyer die Konfrontation religiöser Ordnungsvorstellungen mit der Ideologie des säkularen Nationalstaates. Ihre Ursache sieht er im Scheitern des Nationalstaates, dem es in dem meisten Ländern nicht gelungen ist, flächendeckend Sicherheit, Wohlfahrt und wirtschaftlichen Fortschritt zu bringen. Das ist für Juergensmeyer der notwendige Rahmen, um zu verstehen, warum Religionen zunehmend Bedeutung gewinnen, um Identität zu stiften und Loyalität zu begründen.
Eine besondere Stärke dieses Buches ist das umfangreiche Datenmaterial, darunter zahlreiche Interviews mit religiösen Vordenkern, auf das der Autor systematisch zurückgreift. Mit mehr als 30 Fallstudien illustriert er seine im ersten Kapitel entfaltete Grundargumentation. Seine Analysen religiöser Rebellionen in Asien, dem Nahen Osten, Europa und Lateinamerika sind dabei weitaus detaillierter und aussagekräftiger als seine Beispiele aus Afrika – mit Ausnahme von Ägypten. Eine weitere Stärke ist die historische Tiefe seiner Analyse. In vielen der Fallstudien geht der Autor weit zurück in die Geschichte und reflektiert zum Teil sehr detailliert die theologischen, philosophischen und politischen Argumentationen der Aktivisten.
Religiöse Rebellionen gegen das vorherrschende Ordnungsmodell des säkularen Nationalstaates sind, so wird deutlich, keine neue Erscheinung des 21. Jahrhunderts. Die historische Perspektive erlaubt es dem Autor, eine Entwicklungslinie aufzuzeigen: vom lokalen Aufstand gegen Machtmissbrauch in den 1970er Jahren über die „Internationalisierung” der Konfrontation zwischen religiöser und säkularer Politik in den 1980er Jahren bis zu ihrer „Globalisierung” zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
Nach der profunden Analyse bleibt das Buch in den Schlussfolgerungen sehr kurz. Insbesondere vermisst man Hinweise, was aus den zahlreichen Fallstudien mit Blick auf einen konstruktiven Umgang mit „religiöser Rebellion” gelernt werden kann. Zwar zeigt Juergensmeyer, dass es in einzelnen Fällen gelungen ist, säkulare Politik und religiöse Orientierung in einer Symbiose zusammenzuführen. Er warnt aber zugleich davor, dass eben diese Symbiose wie ein Brandbeschleuniger wirken könne, denn „sie verbindet den Absolutismus der Religion mit der Potenz der modernen Politik”.
Hoffnung – wenn man es so nennen will – sieht Juergensmeyer darin, dass religiöse Aktivisten „nicht ohne weiteres in der Lage sind, sich miteinander zu verbünden”. Es könnte sich „eine Art widerwilliger Toleranz” zwischen religiösen und säkularen Staaten entwickeln. Optimal wäre es, so Juergensmeyer, wenn beide Seiten die Stärken der jeweils anderen schätzen lernten, denn schließlich seien beide Formen der Politik – die säkulare wie die religiöse – „Reaktionen auf die Moderne und Produkte der Moderne”. Unter diesem Blickwinkel ist dieses Buch, das ausgezeichnet übersetzt und flüssig zu lesen ist, ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte, wie man mit Situationen wie in Afghanistan, Irak, Somalia und Nigeria, wo religiöse Rebellionen bereits zu Gewalteskalation geführt haben, anders als vorwiegend militärisch umgehen kann.
Wolfgang Heinrich


