Theologie im Einkaufskorb
Markus Raschke
Fairer Handel. Engagement für eine gerechte Weltwirtschaft
Matthias-Grünewald-Verlag,
Ostfildern 2009,
533 Seiten, 39 Euro
Martina Hahn und Frank Herrmann
Fair einkaufen – aber wie?
Der Ratgeber für Fairen Handel, für Mode, Geld, Reisen und Genuss
Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2009,
248 Seiten, 19,90 Euro
Vor knapp 40 Jahren begann die Erfolgsgeschichte des Fairen Handels. Das erste der beiden Bücher blickt darauf zurück als auf ein Modell christlicher Weltverantwortung; das andere hilft Verbraucherinnen und Verbrauchern, sich in dem gewachsenen Feld fair gehandelter Produkte zurechtzufinden.
„Fair einkaufen – aber wie?“ von Martina Hahn und Frank Herrmann befasst sich mit Fairem Kunsthandwerk ebenso wie mit Fairem Kaffee oder Fairer Kosmetik und erteilt Rat bei Fragen wie: Welcher Fisch sollte im Einkaufskorb landen? Beantwortet wird diese Frage aber erst, nachdem Leser und potenzielle Fischkäufer über die Schattenseiten des Fischkonsums aufgeklärt worden sind – die leer gefischten Weltmeere etwa oder den Beifang, der als „sterbender Müll“ über Bord gekippt wird. Auch die hässlichen Seiten der Aquakultur werden aufgezeigt: von der Zerstörung ganzer Küstenstriche über die großflächige Abholzung von Mangrovenwäldern bis zur Antibiotika- und Hormonbehandlung beim Zuchtfisch. Wer dann noch Appetit hat, erhält Informationen über nachhaltig erzeugten Fisch. Ein Fairtrade-Siegel gibt es dafür zwar nicht, aber immerhin Bestrebungen in diese Richtung. Darauf arbeitet – mit Blick auf die Fischer in Entwicklungsländern – zum Beispiel der Evangelische Entwicklungsdienst hin.
Hier schließt sich der Kreis zur christlichen Weltverantwortung, um die es im Buch von Markus Raschke geht. Ursprünglich als Dissertation verfasst, erhebt es den Anspruch, eine Grundlagentheorie der Fairhandelsbewegung zu skizzieren. Raschke schildert die historische Entwicklung dieses Engagements, einschließlich des Engagements von Verbänden, Diözesen und Hilfswerken im Fairen Handel. Man erfährt also nicht nur etwas über „religiöse Motivhorizonte christlichen Engagements“, sondern auch über Tee, Kaffee und Schokoriegel.
Die Detailkenntnisse und verständlich vermittelten Zusammenhänge helfen die Erfolgsgeschichte des Fairen Handels nachzuvollziehen. Die Kapitel, die das Thema in einem theoretischen Rahmen verorten und in den theologischen Diskurs einbinden, werden manche Leser überspringen. Für andere wird genau das interessant sein. Laut Raschke baut Fairer Handel auf einem christlichen Fundament auf und verkörpert christliches Handeln. Die Kirchen müssen sich seiner Auffassung nach nicht nur pragmatisch, sondern auch theologisch mit dem Thema Fairer Handel auseinandersetzen. Dazu macht er eine Reihe von Vorgaben.
Seine Hauptthese lautet, dass der Faire Handel „sich als Handlungsmodell im Spannungsfeld von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“ offenbare. Er könne nur in der Verbindung beider Elemente funktionieren. Raschke widerspricht damit der Fairhandelsbewegung, die sich auf das Konzept von Gerechtigkeit beruft, ohne den Begriff Barmherzigkeit zu verwenden. Seine Bezug auf die Gnadentheologie („wie sich göttliches Gnadenhandeln dem Menschen zuwendet, wendet sich auch menschliches Handeln dem Mitmenschen zu“) ist dort trotz der kirchlichen Anbindung vieler am Fairen Handel Mitwirkender keineswegs gebräuchlich.
Raschkes theologische Argumentation ist nicht ganz frei von der Gefahr, eine sehr vielfältige Bewegung für die Kirchen, insbesondere die katholische, zu vereinnahmen. Seine Schlussfolgerungen allerdings werden von den meisten Fairhandels-Akteuren wohl geteilt werden: Solidarität mache in einer globalisierten Welt nicht mehr Halt vor der Frage nach dem Lebensstil von Christinnen und Christen, ihrem Konsum oder ihren Geldanlagen. Da ist dann ein praktischer Ratgeber vonnöten, der ihnen hilft, Weltverantwortung im Alltag zu leben. Ohne vierzig Jahre kirchlicher Unterstützung für den Fairen Handel gäbe es diesen Praxisratgeber vermutlich gar nicht.
Anja Ruf


