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„Der Urwald ist wie unsere Bank“


In Indonesien kämpfen Dörfer gegen Abholzung und für ihre Landrechte

Gespräch mit Markus Yungking

Im Kampf gegen die Abholzung des Urwaldes in der indonesischen Provinz Kalimantan auf der Insel Borneo haben zwei Dörfer des Berusu-Volkes nach langen Verhandlungen Landtitel für ihr Gebiet erhalten. Weitere Dorfgemeinschaften streben nun ebenfalls nach gesetzlichem Schutz für ihre Lebensbasis.

Wie hat Ihr Kampf gegen die Abholzung des Urwaldes begonnen?

Ich habe Agroforstwirtschaft studiert und danach in der Stadt Tarakan als forstwirtschaftlicher Berater der lokalen protestantischen Kirche GKPI gearbeitet. In den 1980er Jahren fingen Holzfirmen an, in Kalimantan den Urwald zu roden und schnell wachsende Akazienbäume für die Papierherstellung zu pflanzen. In den 1990er Jahren nahm der Druck auf die indigenen Gemeinschaften zu. Mein Heimatdorf Limbu Sedulun liegt mitten im Urwald. Als die Holzfirma Adindo 1999 auch dort begann, Akazienplantagen anzulegen, suchten mich die Dorfältesten in Tarakan auf und baten mich um Hilfe.

Für Firmen ist es manchmal leicht, Zwist in einem Dorf zu schaffen: Viele Indigene haben keine Bildung und können die Folgen der Abholzung nicht einschätzen. Sie lassen sich schnell von den Geldangeboten verlocken. Weil die GKPI mit ihrer Unterstützung zunächst etwas zurückhaltend war, entschied ich mich, im Namen meines Volkes, der Berusu, für unsere Rechte zu kämpfen.

Wie haben Sie das angepackt?

Ich gab den Berusu den Auftrag, mit Bäumen sämtliche Flussläufe und die befahrbaren Strassen abzusperren. Danach versammelten wir uns alle im Basislager der Firma. Einige von uns haben es geschafft, die großen Holzfällmaschinen kurzzuschließen. Auf einmal lief der ganze Maschinenpark und die Holzfäller bekamen einen Schreck. Ich garantierte ihnen dann, dass wir keinen Schaden anrichten würden. Militär und Polizei machten sich auf den Weg zum Basislager, kamen aber wegen den Absperrungen nur langsam vorwärts. Das gab uns Zeit. Wir rangen den Adindo-Leitern vor Ort das Versprechen ab, mit uns zu verhandeln. Wir vereinbarten, dass ein Vertreter der Firma mit Entscheidungskompetenzen innerhalb einer Woche vorbeikommen und mit den Berusu verhandeln würde. Bis dahin wollten wir die Maschinen besetzt halten.

War Ihre Forderung erfolgreich?

In dieser einen Woche schlossen sich insgesamt 21 Dörfer unseren Landrechtsforderungen an. Der Verantwortliche der Firma Adindo kam jedoch nicht und wir mussten ihnen nochmals Zeit geben, bis er schließlich erschien. Dann konnten wir verhandeln. Gleichzeitig brachten wir im Hauptort des Distriktes unser Anliegen im regionalen Parlament vor. Die Firma bot uns mehrere Millionen Rupien für den Urwald, doch wir sagten, es handle sich nicht um ein Geldproblem. Der Urwald sei unsere Lebensgrundlage. Diese Verhandlungen verliefen im Sande und es verging ein weiteres Jahr, bis wir uns einig wurden.

Widerstanden alle Dörfer den Geldangeboten?

Von den 21 Dörfern blieben nur zwei standhaft, die anderen ließen sich kaufen oder gaben auf. Aber Limbu Sedulun und ein Nachbardorf erhielten die geforderten Rechte. Der bereits beschlagnahmte Wald musste zurückgegeben werden und der Rest blieb unangetastet. Zudem erhielten wir 400 Millionen Rupien (rund 29.000 Euro) als Entschädigung. Das war mehr, als wir erwartet hatten.

Warum war es so schwierig, den Kampf gemeinsam durchzustehen?

In den indigenen Gemeinschaften hat sich viel verändert. Man ist sich nicht einig, wie man den Spagat zwischen dem Leben im Urwald und dem Leben in der modernen Zivilisation hinbekommen soll. Einige sind richtige „Konsumtypen“ geworden, andere sehnen sich nach dem traditionellen Leben. Der Rat der Ältesten hat deshalb nicht mehr so viel Gewicht wie früher und es ist schwierig, einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Was passierte mit den anderen 19 Dörfern?

Einige erhielten ein kleines Stück Wald. Doch das reicht nicht, um davon zu leben. Es wird sich zeigen, wie sich ihre Situation weiter entwickelt.

In Kalimantan leben noch mehr indigene Völker. Wie ist deren Situation?

Nach unserem Erfolg waren andere Dörfer sensibilisiert und wollten ebenfalls mit den Holzfirmen und den Politikern verhandeln. Die GKPI, vom Erfolg der Berusu beeindruckt, richtete ein anwaltschaftliches Programm ein, um Indigene bei diesem Vorhaben zu unterstützen. Wir helfen jedoch nur beim Kampf um Landrechte, nicht, wenn es um Geld geht. Denn für viele ist das Motiv, schnell zu viel Geld zu kommen. Bis jetzt haben wir noch keine neuen Landtitel erhalten. Die Prozesse dauern lange, wir sind mitten drin.

Eines der Argumente im Kampf um Landrechte lautet, dass der Urwald die Lebensgrundlage der Indigenen darstellt. Inzwischen haben viele von ihnen eine moderne Lebensweise angenommen, wie rechtfertigen sie nun die Forderung nach Land?

Die indigene Bevölkerung lässt sich nicht vom Urwald trennen. Wir leben immer noch vom Dschungel, heute vielleicht auf eine andere Art. Wir suchen beispielsweise nach Rattan oder nach speziellem Harz, das auf dem Markt sehr gut bezahlt ist. Die Schätze aus dem Wald, die wir sammeln, sind unter anderem unsere Lebensbasis. Der Wald ist wie unsere Bank.

Die Fragen stellte Sarah Fasolin


Markus Yungking
gehört dem Volk der Berusu an. Er lebt in der Stadt Tarakan auf der Insel Borneo und ist Finanzverwalter der Christlich-Protestantischen Kirche in Indonesien (GKPI), die vom Schweizer Hilfswerk „Brot für alle“ unterstützt wird.

 

 

Schutz für das „Herz von Borneo“

Im Inneren der Insel Borneo soll ein rund 220.000 Quadratkilometer großes grenzüberschreitendes Netz aus Schutzzonen und nachhaltig genutzten Wäldern entstehen. Eine entsprechende Erklärung zum Schutz des „Herzen von Borneo“ hatten die Forstminister von Indonesien, Malaysia und Brunei im Februar 2007 unterzeichnet. Die Umsetzung des Aktionsplans wird unter anderem von der Umweltstiftung WWF begleitet. Deren Angaben zufolge werden auf Borneo jährlich 13.000 Quadratmeter Regenwald zerstört. Haupt­ursachen sind die Umwandlung in Palmölplantagen, Waldbrände sowie legaler und illegaler Holzeinschlag.

Eine geplante Palmölplantage im indonesischen Kalimantan konnte durch die Schutz-Erklärung bereits verhindert werden. Dafür wären 1,8 Millionen Hektar Tropenwald vernichtet worden. Das „Herz von Borneo“ umfasst die Hochland-Regenwälder im Grenzgebiet zwischen Indonesien, Malaysia und Brunei. Die Schutzinitiative soll laut WWF auch die Wasserversorgung und die Nahrungsquellen der Ureinwohner sichern. Die Regenwälder von Borneo zählen zu den artenreichsten Gegenden der Welt. Auf der Insel wachsen 15.000 Pflanzenarten. In ihren Wäldern leben noch rund 55.000 Orang-Utans.     (gwo)

welt-sichten 4-2008