Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
die Deutschen produzieren im Durchschnitt täglich gut 1,2 Kilogramm Müll. Gut die Hälfte davon wird nach organischen Abfällen und Wertsoffen wie Papier und Metall getrennt gesammelt und wiederverwertet. Die Altpapier-Sortieranlage der Frankfurter Müllabfuhr zum Beispiel verarbeitet in der Stunde bis zu 30 Tonnen Papier und Pappe. Meterhohe Gebläse trennen das Papier von Fremdkörpern, doch die Feinsortierung erledigen Männer und Frauen – häufig sind das Migranten – am Fließband per Hand. Da das eine staubige und laute Angelegenheit ist, tragen sie dabei Mund- und Ohrenschutz.
Von solchen Bedingungen können Müllsortierer in Entwicklungsländern nur träumen. Auch sie trennen Wertstoffe vom Restmüll, allerdings nicht in hochtechnischen Anlagen, sondern direkt auf der Müllkippe. Auf den riesigen Deponien von Metropolen wie Mexiko-Stadt, Managua oder Maputo stapfen sie über stinkende Müllberge auf der Suche nach Verwertbarem. Frauen verkaufen Getränke, auf offenen Feuern wird Essen zubereitet, und in Mexiko-Stadt wohnen zahlreiche Müllsammler in einfachen Buden aus Pappe und Holz auf der Deponie.
Mit Wertstoffen aus Müll lässt sich viel Geld verdienen. Viele Experten sehen die Müllberge von heute bereits als eine der wichtigsten Rohstoffquellen von morgen. Für hunderttausende Müllsammler in den Entwicklungsländern ist hingegen der Verkauf von Wertstoffen die einzige Einkommensquelle. Ihre Belange müssen bei der Einführung neuer Mülltrenn-Verfahren berücksichtigt werden. In Nicaraguas Hauptstadt Managua wurde das versäumt. Dort verdient die Stadt seit einigen Jahren direkt am Recycling, indem sie Wertstoffe schon vor der Deponierung aussortieren lässt. Im März blockierten deshalb Müllsammler aus Protest die städtische Kippe und legten die gesamte Müllabfuhr lahm.
Ohnedies versinken viele Metropolen im Süden im Müll. Die Einwohner von Mexiko-Stadt produzieren pro Kopf genauso viel Abfall wie die von Hamburg, es gibt aber keine moderne Mülltrennungsanlage. Die Deponie der Stadt ist eigentlich seit zwei Jahren voll, trotzdem kommen jeden Tag 12.000 Tonnen Abfall hinzu. Oft fehlen die Technik und die Kenntnisse für eine effiziente Abfallbeseitigung, und Müllvermeidung steht ohnehin noch am Anfang. Hier wittern private Entsorgungsfirmen aus den Industrieländern gute Geschäfte. Nicht selten bieten sie aber Lösungen an, die technisch veraltet, den Bedingungen der armen Länder nicht angemessen oder noch gar nicht ausgereift sind.
Eine Erfolgsgeschichte ist das Exportverbot für Giftmüll von 1995. Seit dem Inkrafttreten der Basel-Konvention ist der Handel mit giftigen Abfällen deutlich geschrumpft. Durchgesetzt haben das Verbot die Entwicklungsländer, in denen reiche Länder früher ihre Giftstoffe entsorgt hatten. Die Konvention hat allerdings zwei Lücken: bei der Abwrackung von Schiffen und bei alten Elektrogeräten. So schwappt nun eine neue Welle Müll aus dem Norden nach Afrika und Asien: ausgediente Fernseher und Computer. In Asien werden in Handarbeit Stoffe wie Gold und Kupfer herausgelöst. Und in der nigerianischen Hafenstadt Lagos kommen jährlich 400.000 alte Rechner an. Drei Viertel davon sind unbrauchbar und landen auf wilden Müllkippen – den neuen Friedhöfen für unsere Wohlstandsgüter.
Tillmann Elliesen,
Redakteur

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