Entwicklungsagenda auf tönernen Füßen
Joseph E. Stiglitz/Andrew Charlton
Fair Trade
Agenda für einengerechten Welthandel
Murmann Verlag, Hamburg 2006
374 Seiten, 28,50 Euro
Stiglitz und Charlton stellen in ihrem Buch zunächst die Verhandlungen über die Welthandelsregeln im Rahmen der so genannten Doha-Entwicklungsrunde der Welthandelsorganisation (WTO) auf den Prüfstand. Ihr Fazit: Diese verdient den Namen Entwicklungsrunde nicht. Eine weitere Liberalisierung des Handels würde vielmehr die Situation der armen und wirtschaftlich schwachen Länder noch verschlechtern. Die beiden Wirtschaftswissenschaftler liefern hier keine neuen Erkenntnisse, fassen jedoch die kritischen Positionen und empirischen Forschungen zum WTO-Handelsregime prägnant zusammen.
So ist es kontraproduktiv für Entwicklungsländer, wenn das Handelsregime ihnen verbietet, den Aufbau ihrer Industrien und Märkte durch staatliche Regulierung zu fördern und zu schützen. Japan und Süd-Korea sind zum Beispiel auf diese Weise zu Wachstum und Wohlstand gekommen. Das handelspolitische Axiom des „komparativen Vorteils“ ist laut Stiglitz und Charlton in Sub-Sahara-Afrika schlicht falsch. Denn dort können Arbeiterinnen und Arbeiter nicht einfach aus nicht konkurrenzfähigen Sektoren in neue Industrien und Märkte mit „komparativem Vorteil“ wechseln: Diese Märkte sind häufig gar nicht vorhanden.
Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) hat den Autoren zufolge in Mexiko Wachstum und Wohlstand reduziert: Die Reallöhne sanken, Ungleichheit und Armut nahmen zu. Auch wenn neoliberale Ökonomen nicht müde werden, in theoretischen Modellen zu formulieren, dass die Handelsliberalisierung Wachstum fördert – die empirische Beweislage dafür ist extrem schwach. Selbst in China und Indien setzte das Wachstum vor der Handelsöffnung ein, also keineswegs weil sie dem Außenhandel Tür und Tor geöffnet haben.
Damit der Handel dazu beiträgt, die gegenwärtigen Ungleichgewichte und Ungleichheiten auszugleichen, fordern Stiglitz und Charlton eine „echte Entwicklungsrunde“. Ihr alternativer „Marktzugangsvorschlag“ beinhaltet ein regelbasiertes Handelssystem, das zwischen den Ländern nach ihrem pro-Kopf- Einkommen unterscheidet: Im Kern sollen sich alle WTO-Mitglieder verpflichten, den jeweils ärmeren Ländern freien Marktzugang für alle Güter zu gewähren. Ägypten könnte dann zum Beispiel seine Produkte abgabenfrei in die USA exportieren, müsste aber seine eigenen Märkte für Länder wie Uganda öffnen. Während auf diese Weise eine Süd-Süd-Liberalisierung voran käme, könnten sich die Entwicklungsländer vor Importen aus den Industrienationen schützen.
Stiglitz und Charlton deklinieren alle handelspolitischen Bereiche daraufhin durch, was unter dem Kriterium Entwicklung Vorrang hätte. An erster Stelle rangieren in ihrer „echten“ Entwicklungsagenda Regeln für die befristete Migration ungelernter Arbeiterinnen und Arbeiter, die Liberalisierung arbeitsintensiver Dienstleistungen und der Marktzugang für Agrar- und Fertigungsprodukte aus Entwicklungsländern. Geistige Eigentumsrechte gehören dagegen nicht auf eine handelspolitische Tagesordnung, die sich an Entwicklungsförderung ausrichtet.
So weit, so wohlmeinend. Die „echte Entwicklungsrunde“ steht jedoch auf einem tönernen Fuß: Stiglitz und Charlton fordern die Abkehr der WTO von Prinzipien des Merkantilismus und der Effizienz hin zum Prinzip der Fairness. Ökonomische Analyse soll an die Stelle ökonomischer Macht treten, das kollektive Ziel sozialer Gerechtigkeit soll Einzelinteressen zurückdrängen. Die zentrale Frage stellen die Autoren nicht: Wie kann die „echte“ Entwicklungsagenda gegen die Interessen der Mächtigen durchgesetzt werden? Warum sollten sie ihre Gewinninteressen zurückstecken und der Fairness Vorrang geben?
Für sich genommen ist diese Entwicklungsagenda konstruktiv und überzeugend. Ohne Umsetzungsagenda bleibt sie jedoch ein moralischer Appell jenseits aller Realpolitik und jenseits der Märkte, auf denen die Armen ihr Überleben organisieren.
Christa Wichterich

Drucken
Artikel empfehlen