Globale Verantwortung – ohne Protestanten
Der neue österreichische NGO-Dachverband stößt nicht nur auf Zustimmung
Von Ralf Leonhard
Am 1. April hat der neue Dachverband der entwicklungspolitischen und humanitären Organisationen in Österreich seine Arbeit aufgenommen. Er ersetzt die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit (AGEZ) und die Österreichische EU-Plattform entwicklungspolitischer Nichtregierungsorganisationen (NGOs). Der etwas sperrige Name: „Globale Verantwortung – Arbeitsgemeinschaft für Entwicklung und Humanitäre Hilfe“, kurz: AG Globale Verantwortung.
Die AGEZ vertrat die entwicklungspolitischen NGOs gegenüber den österreichischen Behörden. Die nach dem österreichischen EU-Beitritt 1995 gegründete EU-Plattform beriet ihre Mitglieder bei Antragstellungen für EU-Projekte und nahm zunehmend Lobbyfunktionen in Brüssel wahr. Viele Organisationen gehörten beiden Dachverbänden an, die EU-Plattform bekam öffentliche Subventionen, in der AGEZ dagegen hielt man den Empfang öffentlicher Gelder für unvereinbar mit selbstbewusstem Auftreten gegenüber der Regierung. Sie finanzierte sich über Beiträge der Mitglieder, die sich nach der Höhe des Umsatzes bemaßen.
Die inhaltliche Erweiterung des neuen Verbands um humanitäre Hilfe ermöglicht den Einstieg der größten Organisationen, nämlich der Caritas und des Österreichischen Komitees vom Roten Kreuz. Diese beiden behalten sich in Finanzangelegenheiten des Verbandes, etwa bei der Erhöhung der Mitgliedsbeiträge, ein Veto vor. In allen anderen Fragen gilt: eine Organisation – eine Stimme. Auch die finanzstarke Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar und die wichtigste Entsendeorganisation „HORIZONT3000“ genießen keine Privilegien.
Zu den 23 Gründungsmitgliedern sind inzwischen noch einige Organisationen hinzugekommen. Nicht dabei sind vorerst die protestantischen Werke wie Diakonie und Brot für Hungernde, die bei den bisherigen Dachverbänden Gründungsmitglieder waren. Gottfried Mernyi vom Evangelischen Arbeitskreis für Entwicklungszusammenarbeit findet die Konzepte des neuen Dachverbandes zu vage, vor allem mit Blick auf die Lobby-Aufgaben. Das schwäche die entwicklungspolitische Szene. Außerdem ärgert ihn die Vorgehensweise mancher Organisationen. CARE Österreich und Licht für die Welt (ehemals Christoffel Blindenmission) waren im vergangenen Sommer aus der AGEZ ausgetreten, um diese finanziell unter Druck zu setzen und die Gründung des neuen Dachverbandes zu beschleunigen. Organisationen, die der Fusion eher kritisch gegenüberstanden, wurden zunächst gar nicht eingeladen.
Die Fusionsverhandlungen, die monatelang stagniert hatten, seien durch den Austritt der beiden großen Organisationen wieder in Gang gekommen, erklärt Petra Navara-Unterluggauer, Geschäftsführerin von HORIZONT3000 und Vorsitzende der AG Globale Verantwortung. Sie blickt sehr optimistisch in die Zukunft und verspricht sich einen Zusatznutzen von den humanitären NGOs: Deren Bekanntheit und Prestige werde der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit zu mehr Ansehen verhelfen.
2008 will der neue Verband sich vor allem für die Steigerung der Entwicklungshilfe auf zunächst 0,51 Prozent des Bruttonationaleinkommens einsetzen und sich mit der Wirksamkeit der Hilfe, der entwicklungspolitischen Kohärenz, der Rolle der NGOs und der EU-Afrikastrategie beschäftigen.

Drucken
Artikel empfehlen