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Raus aus der Tabuzone


Bei der Gleichstellung von Frauen geht es auch um Verhütung und Abtreibung.

Von Gesine Wolfinger

Die Staatengemeinschaft hat zwei von acht Millenniumszielen den Frauen gewidmet: Die Gleichstellung und die Verbesserung der Gesundheit von Müttern. Die Halbzeitbilanz im vergangenen Jahr fiel bei beiden Zielen jedoch mager aus. Zwar sind Fortschritte zu verzeichnen, doch sie machen wenig Hoffnung, dass die Gleichstellung von Frauen bis 2015 nur annähernd erreicht werden könnte. Ein Rückgang der Müttersterblichkeit um drei Viertel scheint ebenfalls unwahrscheinlich.

Denn eine wichtige Voraussetzung für Verbesserungen in beiden Bereichen wird tabuisiert: die Selbstbestimmung der Frauen über ihren Körper. In der Diskussion über gleiche Chancen für Frauen in Schule und Beruf bleibt die Familienplanung häufig ausgespart. Und wenn es um ihre Gesundheit geht, spricht kaum jemand von illegalen und riskanten Abtreibungen. Dabei entfallen laut der Weltgesundheitsorganisation WHO auf sie weltweit immerhin 13 Prozent der Todesfälle unter werdenden Müttern.

Frauen in vielen Entwicklungsländern haben weder das Recht noch die Möglichkeit, selbst zu bestimmen, ob und wann sie Kinder haben möchten. Verhütungsmittel sind aus religiösen oder traditionellen Gründen verboten, viel zu teuer oder schlicht nicht verfügbar. Eine ungewollte Schwangerschaft empfinden viele aber als Bedrohung ihrer Zukunft. Sie entscheiden sich für eine Abtreibung. Und in vielen Ländern geht das nur illegal.

Die Folgen sind oft tödlich: Jedes Jahr sterben weltweit 68.000 Frauen bei dem Versuch, eine Schwangerschaft heimlich abbrechen zu lassen. Rund fünf Millionen tragen Gesundheitsschäden davon. Nach Angaben der WHO werden schätzungsweise 19 Millionen Schwangerschaften jedes Jahr auf riskante Weise beendet, 97 Prozent davon in den Entwicklungsländern.

Nach einer Studie des medizinischen Fachblattes „Lancet“ verzeichnen vor allem Länder mit besonders restriktiven Gesetzen hohe Zahlen an riskanten Abtreibungen. Dort müssen sich Frauen in die Hände von medizinischen Laien begeben, die den Eingriff ohne geeignete Geräte unter unhygienischen Bedingungen vornehmen. Oder sie greifen selbst zu Terpentin oder Stricknadeln. Wenn Komplikationen auftreten, kommt medizinische Hilfe häufig zu spät. Diese Verhältnisse finden sich vor allem in Afrika, denn dort ist Abtreibung in den meisten Staaten gesetzlich verboten.

Liberalere Abtreibungsgesetze hingegen wirken sich laut der „Lancet“-Studie positiv auf die Umstände aus, unter denen die Eingriffe durchgeführt werden. In Südafrika sank die Zahl der Infektionen nach Schwangerschaftsabbrüchen um mehr als die Hälfte, nachdem 1997 ein liberaleres Gesetz in Kraft getreten war. Zugleich widersprechen die Wissenschaftler der Befürchtung, die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche könnte in die Höhe schnellen, wenn sie legal und sicher ausgeführt werden dürfen. Länder wie Barbados, Kanada, Tunesien, die Türkei und Südafrika haben laut „Lancet“ nach der Liberalisierung ihrer Abtreibungsgesetze keinen Anstieg verzeichnet. Die Niederlande, in denen ein Schwangerschaftsabbruch bis zur 20. Woche straffrei bleibt, haben eine der geringsten Abtreibungsraten der Welt.

Doch es fehlt offenbar der politische Wille, Abtreibungen weniger lebensgefährlich zu machen. Die Weltgesundheitsorganisation, die bereits im Jahr 2003 Richtlinien für sichere Schwangerschaftsabbrüche herausgegeben hat, nennt als Grund dafür, dass es sich um ein „äußerst sensitives und privates Thema“ handelt. Die Autoren der „Lancet“-Studie hingegen kommen zu dem düsteren Schluss: „Die Ursache für die globale Pandemie riskanter Abtreibungen sind Gleichgültigkeit und Verachtung gegenüber Frauen. Sie leiden und sterben, weil sie für wertlos erachtet werden.“

Diese Einschätzung ist nicht von der Hand zu weisen. Und sie macht wenig Hoffnung. Denn Einstellungen und Werte ändern sich nur langsam – ganz sicher nicht bis 2015. Gerade deshalb muss das Thema, so heikel und ideologiebefrachtet es sein mag, auf den Tisch. Frauen werden auch in Zukunft ungewollt schwanger werden und Abtreibungen vornehmen lassen – ungeachtet von Gesetzen, religiösen Vorschriften und sozialen Normen. Auch die ethische Diskussion darüber wird weitergehen.

Die Botschaft der Gesundheitsexperten ist es jedoch wert, Gehör zu finden: Die Möglichkeit, eine Schwangerschaft legal und sicher abbrechen zu lassen, verhindert Schmerzen und Tod. Und der Zugang zu Verhütungsmitteln verringert das Risiko, dass es so weit kommt. Nur wenn sich die Regierungen in Entwicklungsländern diesen Appell zu Herzen nehmen, lässt sich die Gesundheit von Müttern verbessern – und die Gleichstellung der Frauen voranbringen.


Gesine Wolfinger
ist Redakteurin bei „welt-sichten

welt-sichten 4-2008