Unbequemer Mahner
Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind - in einer Welt, die 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Jean Ziegler, scheidender UN-Berichterstatter für das Recht auf Nahrung, hat diesen Zustand stets als Skandal verurteilt. In seinem Schlussbericht an den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen bescheinigt der streitbare Globalisierungsgegner dem UN-System und der Politik der Industriestaaten eine gewisse Schizophrenie. Es gehe nicht an, die Regierungen der Entwicklungsländer auf die Verwirklichung des Menschenrechts auf Nahrung zu verpflichten und zugleich mit der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds und der Welthandelsorganisation die Liberalisierung des Agrarhandels und die Kommerzialisierung der Landwirtschaft voranzutreiben, erklärte er Mitte März zum Ende seiner achtjährigen Amtszeit.
In seinem Bericht fordert er zudem ein fünfjähriges Moratorium für Biokraftstoffe. Die Verwendung von Nahrungsmitteln für Treibstoff sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, so Ziegler. Sie treibe die Preise für Lebensmittel unverantwortlich in die Höhe.
Ziegler bleibt sich und seiner Linie auch in seinem Abschlussbericht treu. Schon immer hat er die Liberalisierung der Weltwirtschaft, eine Globalisierung unter ungleichen Voraussetzungen und ein allein auf Profitmaximierung ausgerichtetes Finanzsystem kritisiert – unverblümt, aber zumeist wohlbegründet und auf Fakten beruhend. Das macht den Buchautor und ehemaligen Schweizer Nationalrat so unbequem.
Seine direkte Art, die Dinge beim Namen zu nennen und wenig Rücksicht auf diplomatische Gepflogenheiten zu nehmen, hat ihm Feinde gemacht. Sie finden sich in multinationalen Konzernen wie auch in der nationalen und internationalen Politik, die er in seinem jüngsten Buch als ein einer enthemmten Liberalisierung unterworfenes „Imperium der Schande“ bezeichnet. In der Schweiz gilt Ziegler zumindest in konservativ-bürgerlichen Kreisen eher als Prolet denn als Prophet. Kritikern, die ihn am liebsten zum Schweigen brächten, sollte allerdings bewusst sein, dass sie damit nicht in erster Linie ihm, sondern den unterdrückten und marginalisierten Menschen in den armen Ländern Unrecht tun. Denn ihnen leiht Ziegler seine Stimme, und dieses Wissen gibt ihm den Mut, auch nach seinem Ausscheiden als Sonderberichterstatter weiterzukämpfen. Ende März wurde er in die Expertengruppe gewählt, die künftig den UN-Menschenrechtsrat beraten wird.
Urs A. Jaeggi

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