Vom Killer zum Menschenrechtler
Ishmael Beah
Rückkehr ins Leben
Ich war Kindersoldat
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2007,
271 Seiten, 19,90 Euro
Diese Lebensgeschichte eines Kindersoldaten war in den USA ein Bestseller. Hunderttausende Exemplare gingen über die Theke der Kaffeehauskette Starbucks. Massaker und brutale Amputationen aus dem Bürgerkrieg in Sierra Leone zwischen Latte Macchiato und Espresso? Meine Vorbehalte gegenüber dem Buch waren beträchtlich. Doch ich habe ihm Unrecht getan: Es ist, auch literarisch, besser als viele andere aus der Schublade der Bekenntnisbücher.
Ishmael Beahs Geschichte beginnt 1993, als der Junge mit zwei Freunden zu einem Talentwettbewerb aufbricht, um dort seine nach US-Kassetten eingeübten Rapsongs vorzutragen. Er wird nie wieder zurückkehren oder seine Familie wiedersehen, denn zwischenzeitlich überrollt der Bürgerkrieg sein Dorf Mattru Jong. Auf der Flucht und der Suche nach den Eltern, Verwandten oder etwas wie Normalität ist es eigentlich nur eine Frage der Zeit und des Zufalls, welche Seite die Jungs rekrutiert. In Ishmaels Fall sind es die Regierungstruppen, die den 12-Jährigen mit Indoktrinierung, Einschüchterung und jeder Menge Drogen zu einer Killermaschine machen. Ohne die Drogen – meist Marihuana, Amphetamine und „brown-brown“, eine Mischung aus Kokain und Schießpulver – wäre er sicher nicht zu den von ihm begangenen Gräueltaten fähig gewesen, so Beah.
Nach drei Jahren wird er gegen seinen Willen auf Betreiben des Kinderhilfswerkes UNICEF aus der Armee entlassen und in ein Rehabilitationscamp für ehemalige Kindersoldaten gesteckt. Nur mühsam gelingt es ihm, seine Traumatisierung zu verarbeiten und mit seiner Vergangenheit leben zu lernen, nur mühsam akzeptiert er den von den Betreuern ständig wiederholten Satz: Es war nicht deine Schuld! 1996 bringt UNICEF Beah zu seinem Onkel nach Freetown, wo er wieder zur Schule geht. Noch im selben Jahr berichtet er beim ersten Kinderparlament der Vereinten Nationen in New York vor Mädchen und Jungen aus 23 Nationen von seinen Kriegserfahrungen.
Der Krieg ist jedoch noch nicht vorbei. 1998, als die Rebellen der Revolutionary United Front Freetown einnehmen, flüchtet Beah in die USA. In New York besucht er die United Nations International School und schließt 2004 auf dem Oberlin College ein Politologie-Studium ab. Seither engagiert sich Beah für Kinderrechte, unter anderem bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.
Beahs Erlebnisbericht ist 2007 erschienen. Im gleichen Jahr wurde der liberianische Ex-Präsident Charles Taylor, der eine maßgebliche Rolle im Bürgerkrieg in Sierra Leone gespielt hatte, vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag angeklagt. Beahs Schilderungen illustrieren den Terror, der vor nunmehr sechs Jahren ein Ende fand. Die große Zahl von Kriegsversehrten zählt zu den sichtbaren Folgen des Bürgerkrieges. Bei den traumatisierten ehemaligen Kindersoldaten hingegen sind die Spuren der brutalen Gewalt nicht auf den ersten Blick erkennbar. Es sei erheblich schwieriger, einen früheren Kindersoldaten zu rehabilitieren als ein Kind zum Soldaten zu entmenschlichen, sagte der heute 27-jährige Ishmael Beah in einer US-amerikanischen Fernsehsendung. Von beidem handelt dieses Buch.
Eva Massingue

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