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Dynamik des Massenmordes

Jacques Sémelin
Säubern und Vernichten. Die Politik der Massaker und Völkermorde
Hamburger Edition, Hamburg 2007,
450 Seiten, 40 Euro


Ein Frühwarnsystem für Völkermord und Massaker wird dringend gesucht. Studien wie die von Jacques Sémelin können dazu einen Beitrag leisten - auch wenn sie nahe legen, dass es hier keine linearen und zwangsläufigen Entwicklungen gibt. Der Pariser Politologe will das Unbegreifliche des Mordens und Quälens, den Übergang zur Tat begreifen. Dabei bleibt klar: Verstehen heißt nicht Verzeihen. Aber ohne gründliches Nachdenken über die Ursachen ist es nicht möglich, die Geschehnisse nachzuvollziehen. Seine interdisziplinäre und vergleichende Analyse konzentriert Sémelin auf drei Fälle: die Shoah sowie Ruanda und Bosnien zu Beginn der 1990er Jahre.

Das Massaker, die „zumeist kollektive Form der Vernichtung von Nicht-Kombattanten", ist laut Sémelin Ergebnis einer bestimmten Sicht des Anderen. Er weist falsche Fährten bezüglich der Ursachen zurück: Soziobiologische, demographische, kulturelle Besonderheiten müssen nicht zur Gewalt führen und ebensowenig die Kumulation solche Faktoren. Auch auf die Frage nach der Organisation des Massenmordes und nach den Tätern gibt es keine eindeutigen Antworten. Der Weg verläuft „von der kollektiven Gleichgültigkeit zur aktiven Mitwirkung der Bevölkerung". Vernichtungsprozesse sind ihm zufolge kein Kontinuum, sondern haben verschiedene Phasen, von denen keine zwangsläufig in die nächste münden muss - das macht Eingreifen möglich.

Ein besonderes Problem ist für Sémelin der „politische Gebrauch von Massakern und Völkermorden". Die Behauptung, Opfer zu sein, wird zur „Propagandawaffe". Nicht zuletzt deswegen verlangt Sémelin begriffliche Klarheit. Für den Tatbestand „Genozid" ist laut der UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords vom Dezember 1948 die Absicht der Täter ein maßgebliches Kriterium. Das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs vom Juli 1998 definiert „Verbrechens gegen die Menschlichkeit" offener. Wenn sich die Massaker-Forschung, wie Sémelin vorschlägt, von der Rechtswissenschaft löst und auf dem Gebiet der Sozialwissenschaft (und Kulturwissenschaft, wäre hinzuzufügen) entwickelt, dann wird erkennbar, wie hinderlich die Unterstellung der Absicht des Völkermordes für das Verständnis der Dynamik ist.

Für die Prävention ist die Aufklärung von „Gegen-Intellektuellen" als Gegengewicht zu den aufhetzenden Intellektuellen nötig. Vorbeugende Interventionen hingegen sind laut Sémelin wegen der nicht linearen und nicht zwangsläufigen Abläufe problematisch und unter Umständen sogar kontraproduktiv. Eine Ethik der Mitverantwortung, die bloßes Zuschauen verbietet, sowie ein internationales Krisenmanagement mit Schutzverpflichtungen sind wichtige Ansätze, ebenso die Erinnerungsarbeit. Eine vergleichende Perspektive bei gleichzeitiger Beachtung der Einzigartigkeit jedes Falles ist möglich. Sémelin benennt damit Aufgaben, denen sich ethnologische und sozialwissenschaftliche Forschung nützlich und erfolgreich widmen können.


Dieter Kramer

welt-sichten 04-2009