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welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

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Spiritualität der Wüste

Hélène Claudot-Hawad
Tuareg. Porträt eines Wüstenvolks
Horlemann Verlag, Bad Honnef 2007,
252 Seiten, 14,90 Euro


Die Anthropologin Hélène Claudot-Hawad, Forschungsdirektorin am französischen Forschungsinstitut über die Arabische und Muselmanische Welt (IREMAM) und verheiratet mit einem Tuareg-Schriftsteller, beschreibt in zwölf Kapiteln die Welt des Wüstenvolkes aus einem jeweils besonderen Blickwinkel. Sie erzählt von seiner Sprache, Schrift und Literatur, von Ehre und Gewalt, vom Schleier, dem Verborgenen und den Geheimnissen. Besonders fesselnd zu lesen sind die Ausführungen über die Philosophie und Spiritualität der Leere, respektive der Wüste.

Für Entwicklungssoziologen und Politologen ist das ein aufrüttelndes Buch. Denn auch die politischen Probleme der postkolonialen Zeit kommen zur Sprache und werden hinterfragt. Was bedeutet „jeder hat seinen Platz", wenn es keinen Platz mehr gibt? Was geschieht, wenn Tuareg „die bestehende Ordnung aufrecht erhalten", wenn diese Ordnung nur noch in den Köpfen existiert? Der Kolonialismus hat das Wüstenvolk auseinandergerissen. Die Tuareg wurden im Zuge der Unabhängigkeit Afrikas einfach fünf neuen Sahel- und Maghrebstaaten angehängt, jedoch mit Grenzen, die nicht mehr passiert werden sollten und die den Karawanenhandel erdrosselten.

Sie besitzen kein nationalstaatliches Bewusstsein; sie denken oder dachten einst in Zelt-Dimensionen und im Sinne eines „spirituellen Territoriums". „Wer wird in Zukunft seinen Profit aus der Wüste schlagen?" fragt die Autorin. Bestimmt nicht die Tuareg. Das alles ist das Resultat des französischen Kolonialismus, der kam, um, nach einem Dokument von 1909, Sesshaftigkeit und Ordnung zu bringen. Hélène Claudot-Hawad hat ein lesenswertes Buch geschrieben, das sich kenntnisreich und einfühlsam mit dem Mythos vom „stolzen Kriegervolk" in der Wüste auseinandersetzt.


Al Imfeld

welt-sichten 04-2009