Zeitschriftenschau
Armut ohne Arme
DAWN (Karatschi, 2.3. 2009) An dem mit zahlreichen Oscars ausgezeichneten Film „Slumdog Millionaire" kann die indische Erfolgsautorin Arundathi Roy („Der Gott der kleinen Dinge") nichts preiswürdiges erkennen. Enttäuscht ist sie auch deshalb, weil sie sowohl vom Regisseur als auch vom Drehbuchautor auf Grund ihrer bisherigen Filme Besseres erwartet hätte. Allerdings kann sie auch die „patriotische" Kritik nicht nachvollziehen, der Film präsentiere Indien in einem falschen Licht.
Politisch betrachtet stelle „Slumdog Millionaire" Armut ohne ihren gesellschaftlichen Kontext dar, „indem der Film sie zu einer epischen Requisite macht, die Armut von den Armen trennt". Indiens Armut werde zu einer Landschaft, gleich einer Wüste, einem Gebirgstzug oder einem Strand, die nicht von Menschenhand geschaffen, sondern gottgegeben sei. Während die Kamera verzaubert Schnappschüsse einfange, seien die Filmemacher umso wählerischer
in Bezug auf die Menschen, die in dieser Landschaft leben. Hätten sie einem armen Jungen oder Mädchen die Rolle gegeben, denen man ansieht, dass sie in einem Slum aufgewachsen sind, also unterernährt und gezeichnet von dem, was sie durchgemacht haben, dann wären sie nicht attraktiv genug gewesen, schreibt Roy. „Deshalb nahmen sie ein indisches Model und einen britischen Jungen". Bezeichnenderweise habe Christian Colson, der Chef von Celedor, der Produktionsfirma der Serie „Who Wants to be a Millionaire", den Oscar für den besten Produzenten gewonnen. Slumdog Millionaire wolle die billigste Version des großen kapitalistischen Traums verkaufen, bei der Politik durch eine Spielshow ersetzt wird - eine Lotterie, die für einen Menschen Träume wahr werden lässt. Zugleich würden die Menschen ruhig gestellt „mit der Droge einer unmöglichen Hoffnung (arbeite hart, sei anständig, mit etwas Glück kannst du zum Millionär werden)", schreibt Arundathi Roy.
Ökolandbau kann die ganze Welt ernähren
Pambazuka News (Oxford, Kapstadt, 26.2.2009) Der Ökolandbau bietet unbestritten sowohl aus Umweltgründen als auch unter sozialen Gesichtspunkten Vorteile gegenüber der konventionellen Agrarwirtschaft. Angesichts der weit verbreiteten Unterernährung in den Ländern des Südens werden als wesentlicher Nachteil die niedrigeren Ernteerträge gegenüber dem auf Kunstdünger- und Pestizideinsatz basierenden Anbau angeführt. Lim Li Ching vom Third World Network in Malaysia, die auch Mitarbeiterin des auf Ernährungsfragen spezialisierten Oakland Institute ist, widerlegt in ihrem Beitrag anhand von 293 empirischen Erhebungen dieses „Produktivitätsargument".
Allgemein betrachtet sind in den Industrieländern die Flächenerträge der konventionellen mit denen der ökologischen Landwirtschaft vergleichbar. In den Entwicklungsländern hingegen könnten ökologische Anbaumethoden die Produktivität pro Hektar deutlich steigern, insbesondere wenn das bestehende System, was in Afrika weitgehend der Fall ist, auf niedrigem Düngereinsatz beruht. Im Durchschnitt erreichten organisch arbeitende Bauern in den Industrieländern 92 Prozent des Ertrages der konventionellen Landwirtschaft. In Entwicklungsländern würden jedoch mit dem ökologischen Anbau Erträge erzielt, die um 80 Prozent über denen der konventionellen Betriebe liegen, so die Wissenschaftlerin . Somit könnte die Ökolandwirtschaft im globalen Maßstab pro Kopf genug Lebensmittel erzeugen, um die derzeitige und potenziell eine noch größere Weltbevölkerung zu ernähren, ohne zusätzliches Land unter den Pflug zu nehmen.
Für Afrika zeige sich dieses Potenzial noch deutlicher. „Der durchschnittliche Ernteertrag lag bei diesen Untersuchungen mit einer Steigerung von 116 Prozent bei den afrikanischen Projekten noch über dem globalen Mittel (79 Prozent)." Lim Li Ching verweist auf die äthiopische Tigray-Region, in der im Rahmen eines staatlichen Beratungsprojektes 2007 jeder vierte Bauer seine Äcker mit Kompost düngte. Auf diesen Äckern wurde drei- bis fünfmal soviel Getreide geerntet wie auf den Flächen, auf denen Kunstdünger eingesetzt wurde.
Auch die Bergbauern in den Andenstaaten Peru, Bolivien und Ecuador, deren Felder zu den weltweit am schwierigsten zu bewirtschaftenden Anbauflächen zählen, hätten durch Gründüngung die Erntemenge von Kartoffeln um das Dreifache steigern können. Und damit sind sie wieder auf dem Weg zu der bereits vor rund 500 Jahren erreichten landwirtschaftlichen Produktivität. Denn bis zur Ankunft der spanischen Eroberer konnten die Bauern der Andenregion durch eine ausgeklügelte Terrassenwirtschaft und chemiefreie Anbaumethoden eine nach Schätzungen drei bis viermal größere Bevölkerungszahl als heute hinreichend ernähren.
Karl Otterbein
