Zum Schluss bleibt nur der Überlebenswille
Harald Welzer
Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird
S. Fischer Verlag,
Frankfurt am Main 2008,
335 Seiten, 19,90 Euro
Der Essener Sozialpsychologe Harald Welzer hat sich intensiv mit dem Klimawandel befaßt und dessen soziale Folgen in den Mittelpunkt seines Buches gestellt. Er malt ein düsteres Zukunftsszenario: Die Zunahme extremer Wetterereignisse wie lang anhaltende Dürren und stärkere Wirbelstürme, die fortschreitende Wüstenbildung sowie der Anstieg der Meeresspiegel verstärken die Gefahr sozialer Katastrophen - vor allem von Migration und Gewaltkonflikten. Dabei trifft die Erderwärmung, ein Ergebnis des Hungers nach fossiler Energie in den früh industrialisierten Ländern, gerade die ärmsten Regionen der Welt am härtesten.
Die nachholende Industrialisierung in den Schwellenländern, der ungebrochene Energiehunger der Industrieländer und die globale Verbreitung eines Gesellschaftsmodells, das auf Wachstum und Ressourcenverbrauch setzt, „lassen es als unrealistisch erscheinen, dass ein Abstoppen der Klimaerwärmung bei plus zwei Grad bis zur Mitte des Jahrhunderts erreicht wird", schreibt Welzer. Zugleich befürchtet er eine starke Zunahme gewaltsamer Auseinandersetzungen: nicht nur Spannungen um Wasser und Abbaurechte, sondern Ressourcenkriege, nicht nur Religionskriege, sondern Überzeugungskriege seien zu befürchten. Welzer entwirft zwei Zukunftsszenarien. Für das günstige appelliert er an die intellektuellen Fähigkeiten der Menschen, eine „globale Kultur der Partizipation" herbeizuführen. Der Klimawandel könne zum Startpunkt werden für einen grundlegenden kulturellen Wandel, „in dem die Reduktion von Verschwendung und Gewalt nicht als Verlust, sondern als Gewinn gesehen wird". Das düstere Szenario hält der Autor jedoch für wahrscheinlicher, denn die Geschichte zeige, dass die Anwendung von Gewalt immer eine Handlungsoption darstelle.
Das 21. Jahrhundert sei mangels zukunftsfähiger Gesellschaftsmodelle utopiefern und ressourcennah; es werde getötet, weil die Täter jene Ressourcen beanspruchten, die die Opfer haben oder auch nur haben möchten. Im schlimmsten Fall jedoch sieht Welzer den Prozess der Globalisierung als einen Vorgang, der „die Kulturen auflöst und am Ende nur noch die Unterschiedslosigkeit bloßen Überlebenswillens zurücklässt". Es gibt Bücher, so Welzer, die schreibe man in der Hoffnung, Unrecht zu haben. Tatsächlich aber fürchtet er „das Ende der Aufklärung mitsamt ihrer Vorstellung von Freiheit".
Wolf Poulet
