Der Autor als Anwalt der Armen
Jean Ziegler
Der Hass auf den Westen
Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren
C. Bertelsmann Verlag, München 2009,
288 Seiten, 19,95 Euro
Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler gilt als scharfzüngiger Globalisierungskritiker, als „Stimme der Armen“ und „Schrecken der Mächtigen“. In seinem neuen Buch diagnostiziert er einen wachsenden Hass der Armen und Entrechteten auf den Westen. Dessen Nährboden sei das fehlende gegenseitige Verständnis sowie das Bewusstsein Jahrhunderte langer Verachtung und Unterdrückung – mit weit reichenden Folgen für den globalen Frieden, schreibt Ziegler, der von 2000 bis 2008 Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung war und derzeit im beratenden Ausschuss des UN-Menschenrechtsrates sitzt. „Die Sklaverei ist nicht überwunden, sie ist nur moderner geworden“, stellt er fest. Obwohl der Anteil der Weißen nur 12,8 Prozent an der Weltbevölkerung betrage, bestimmten sie über den Rest der Welt. „Aus Sicht der südlichen Völker ist die globalisierte Finanzordnung mit den Söldnern der Welthandelsorganisation, der Weltbank und der neoliberalen Ideologie eines der möderischsten Unterdrückungssysteme.“ Zum Beispiel Nigeria: Trotz des Ölreichtums lebten 70 Prozent der Bevölkerung in bitterer Armut. Internationale Konzerne wie Shell und BP beuteten das Land aus. Aus wirtschaftlichen Interessen fördere der Westen die Korruption der „einheimischen Oligarchen“.
Ziegler prangert die Doppelmoral des Westens an. Aus der Sicht des Südens seien die Versprechen von Menschenrechten und Humanismus nicht zu trennen vom permanenten Verrat dieser Werte: Aufklärung und Ausbeutung fallen zusammen. Es gehe ihm nicht um die Schuldfrage, betont Ziegler, sondern um Fakten, darum, Marktmechanismen offenzulegen und Strukturen zu ändern.Die Hoffnung auf eine neue Weltordnung hat er nicht aufgegeben. Boliviens Präsident Evo Morales ist für ihn der lebendige Beweis, dass es auch anders geht. Als erster indigener Präsident habe er mit der westlichen Weltordnung gebrochen. Die Bevölkerung profitiere zunehmend von der Verstaatlichung der Erdöl- und Erdgasressourcen. Morales stehe für eine Bewegung, die eine solidarische, multiethnische Gesellschaft begründen will.
Ziegler besteht auf einer klaren Unterscheidung zwischen Freund und Feind. Vor dem Verzetteln bewahrt ihn eine straffe, übersichtliche Gliederung mit didaktisch gut platzierten Wiederholungen der wichtigsten Thesen. Bei aller Dynamik vernachlässigt Ziegler keineswegs die Belege für seine Aussagen, verweist auf Expertisen, präsentiert statistische Zahlen. Dennoch ist es ein einseitiges Buch – und will auch nichts anderes sein. Ziegler, der große Moralist, will nicht abwägen, sondern anklagen, will nicht Richter sein, sondern parteilicher Anwalt der Armen – und dies gelingt ihm mit Bravour.
Dieter Hampel


