Neue Rollen für Kirchen und Zivilgesellschaft
Hans Norbert Janowski,Theodor Leuenberger (Hg.)
Globale Akteure der Entwicklung
Die neuen Szenarien
VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008,
263 Seiten, 29,95 Euro
Vor welchen Anforderungen stehen die Nord-Süd-Politik und die Entwicklungspolitik? Um diese Frage kreisen die Beiträge in diesem Sammelband. Hans Norbert Janowski und Theodor Leuenberger haben sich für die Analyse der aktuellen Situation prominente Autoren mit christlichem Hintergrund ausgesucht. Gemeinsamer Nenner der Beiträge ist, was heute ebenso allgemein wie unpräzise als „nachhaltige Entwicklung“ verstanden wird.
Die Autoren gehen von der Prämisse aus, dass mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes die „Dritte Welt“ verschwunden ist. An ihrer Stelle träten nun im Rahmen eines polyzentrischen internationalen Systems den westlichen Machtzentren eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure als Partner oder Konkurrenten gegenüber. Die Fähigkeiten, die Probleme der Zukunft zu lösen, hänge damit immer stärker vom Willen der Staaten zur Kooperation ab. Staatliche Regelwerke für die Durchsetzung einer globalen Handels-, Umwelt und Klimaschutzpolitik seien wichtig, doch an der Beteiligung der Zivilgesellschaft führe kein Weg vorbei. Den Kirchen mit ihrer weltweiten Verankerung komme dabei eine besondere Rolle zu.
Die neue internationale Machtverteilung und ihre Folgen für die Entwicklungspolitik werden in mehreren Aufsätzen dargestellt und insbesondere mit Blick auf ihre möglichen politischen und wirtschaftlichen Perspektiven von Autoren wie June Arunga, Lothar Brock, Erhard Eppler, Beat Kappeler und Karl-Albrecht Immel analysiert. Doch das Hauptaugenmerk liegt auf der Zivilgesellschaft, speziell ihrer christlichen Träger: Fritz Erich Anhelm und Klaus Wilkens diskutieren die Verantwortung der Ökumene, Konrad von Bonin, Warner Conring und Günter Linnenbrink die der Kirchen. Auch Cornelia Füllkrug-Weitzel, Reinhard Hermle, Katharina Kummer Peiry, Manfred Kulessa, Klaus Lefringhausen und Klaus Seitz äußern sich zu Perspektiven von Gruppen aus der Zivilgesellschaft. Ihr Fazit: Eine zukunftsgewandte Entwicklungspolitik müsse das Vernetzungspotenzial dieser Akteure ausschöpfen.
Eine Stärke des Buches ist die Konzentration auf kirchliche Institutionen. Sie stellt gleichzeitig aber auch eine Schwäche dar: Unter globalen Akteuren der Entwicklung, wie der Titel suggeriert, wäre ein breiteres Spektrum vorstellbar und wünschenswert gewesen. Eine gewisse Beliebigkeit prägt auch die Auswahl der Themen. So wird das westliche Entwicklungsparadigma ebenso wenig thematisiert wie die seit dem „Erdgipfel“ 1992 in Rio de Janeiro offenkundige Notwendigkeit, die Industriegesellschaften ökologisch und sozial umzubauen. Auch ist bedauerlich, dass die Sicht auf die Lage des Planeten nahezu völlig von einer europäisch-männlichen Blickrichtung geprägt ist.
Norbert Glaser


