Pragmatische Kämpfer für Gerechtigkeit
Uwe Hoering, Oliver Pye, Wolfram Schaffar, Christa Wichterich (Hg.)
Globalisierung bringt Bewegung
Lokale Kämpfe und transnationale Vernetzung in Asien
Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2009, 200 Seiten, 24,90 Euro
Der Sammelband analysiert gesellschaftspolitische Konflikte in mehreren asiatischen Ländern und stellt sie in ihren jeweiligen Kontexten dar. Geschildert werden die Auseinandersetzungen um den ruinösen Bergbau in den Philippinen und um die Wasserversorgung in Manila, die Aktionen gegen die riesigen Palmölplantagen in Indonesien und die Konfrontationen der indischen Bauernbewegungen mit der internationalen Agro-Industrie. Darüber hinaus geht es um den Kampf von Aidskranken in Thailand um eine Versorgung mit bezahlbaren Medikamenten, gewerkschaftliche Kämpfe gegen Ausbeutung in China und die Perspektiven der Demokratiebewegung in Myanmar.
Den Schwerpunkt ihrer Analyse legen die Autorinnen und Autoren zum einen auf den internationalen Bezug – sowohl was die Gegner der Widerstandsbewegungen (multinationale Konzerne) als auch was deren Verbündete (international tätige nichtstaatliche Organisationen) betrifft. Zum anderen fragen sie, inwieweit die verschiedenen Bewegungen sich auf die Lösung der jeweiligen Streitfragen beschränken oder eigene, umfassendere gesellschaftliche Vorstellungen entwickeln und umzusetzen versuchen.
Die Fragestellung wirkt zunächst recht akademisch, doch die Antworten bergen einige Erkenntnisgewinne: In der Mehrzahl der Beispiele treten keine selbsternannten Proletarier oder gar „neue historische Subjekte“ auf den Plan, um Revolution zu machen. Vielmehr zeichnen sich die neuen Bewegungen in Asien durch eine solide Portion Pragmatismus aus. Das macht sie gleichermaßen erfolgreich wie anfechtbar: Einerseits sind ihre Ziele realistisch und gefährden die Interessen der Eliten nur im gesteckten Rahmen. Andererseits führen auch geringe Zugeständnisse manchmal zum Zusammenbruch der oft aufwändigen Organisationsstruktur und zum Erlahmen der Proteste.
Entstanden ist eine gelungene Zusammenschau sozialer Bewegungen in Asien. Nur an einem Punkt ist man geneigt, den Autoren zu widersprechen: wenn es um die Bewertung der Tatsache geht, dass die meisten der Widerstandsbewegungen starke nationalistische Züge tragen. So wird aus den Philippinen berichtet, dass sich der Widerstand fast ausschließlich gegen multinationale Bergbauunternehmen richtet, die Verletzung von Menschenrechten durch einheimische Konzerne aber keine Rolle spielt. Die Kritik an solchem Nationalismus ist berechtigt, da er kurzsichtig und angesichts des erreichten Ausmaßes der Globalisierung überholt scheint. Doch verstellt diese Kritik den Blick darauf, dass dieser Nationalismus auch einer tief verwurzelten anti(neo)kolonialen Einstellung entspringt. Er macht deutlich, wie tief das Trauma der Niederlage gegen den Westen bis heute in den Köpfen verwurzelt ist.
Uwe Kerkow


