Ausgepresst für Agrosprit
In Afrika haben die Kleinbauern nichts vom Energiepflanzen-Boom
Von Klaus Schenck
Fünfzehn afrikanische Länder haben sich vor zwei Jahren zu einer Art OPEC für Agrartreibstoffe zusammengeschlossen. Regierungen und ausländische Investoren spekulieren auf hohe Exporteinnahmen. Viele Bauern hingegen werden von ihrem Land verdrängt, und die wachsenden Plantagen für Energiepflanzen bedrohen wertvolle Ökosysteme.
„Unser Kontinent sollte sich dazu berufen fühlen, der wichtigste Lieferant von Biokraftstoffen zu werden. Dieser Schritt zur Entwicklung sauberer Energie liegt nahe, weil dafür große Flächen kultivierbares Land benötigt werden. Und hier hat Afrika einen klaren Vorteil.“ Das verkündete der senegalesische Präsident Abdoulaye Wade im Sommer 2006 anlässlich der Gründung der Panafrikanischen Vereinigung der Nicht-Erdöl-Produzenten (PANPP) in Dakar. Dem Zusammenschluss, der sich selbst auch „Grüne OPEC“ nennt, gehören 15 Staaten an, darunter einige der ärmsten Länder Afrikas.
Wades Worte klingen befremdlich. In Afrika sind Unter- und Mangelernährung weit verbreitet und es kommt regelmäßig zu Hungersnöten. Unter diesen Bedingungen ist es ethisch schwer vertretbar, statt Nahrungsmittel Rohstoffe für Agrosprit anzubauen, so wie es der „Grünen OPEC“ vorschwebt.
Die Pläne der afrikanischen Staatsführer dienen nicht den Millionen Kleinbauern des Kontinents, sondern vor allem der Energiepolitik der Industrienationen. Unternehmen und Investoren aus reichen Ländern betreiben mit Hilfe von Regierungen und internationalen Organisationen intensive Lobbyarbeit in Afrika und schaffen sich dadurch lukrative Einnahmemöglichkeiten. Aber auch die brasilianische Regierung und die staatliche brasilianische Ölfirma Petrobras fördern Projekte zur Produktion von Agrokraftstoffen auf dem Kontinent.
Wie bereits in früheren Zeiten hoher Rohstoffpreise hat ein Wettlauf um geeignete Landflächen eingesetzt. Die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO schätzt die potenzielle Anbaufläche für Agrosprit allein in den fünfzehn Mitgliedstaaten der „Grünen OPEC“ auf über 330 Millionen Hektar. Dabei erweckt die FAO den Eindruck, es handele sich um unbewohntes und ungenutztes Ödland, das frei zur Verfügung stehe. Tatsächlich aber geht es in den meisten Fällen um sensible Ökosysteme, die wichtige Umweltfunktionen haben und die Lebensgrundlage der ansässigen Bevölkerung bilden.
Die Gebiete dienen als Weideflächen für Vieh oder werden zur Jagd oder für das Sammeln von Früchten, Samen, Medizinalpflanzen und Brennholz genutzt. Weil es häufig keine offiziellen Landtitel gibt, ist die rechtliche Position der Bauern oder Viehhirten unsicher. Afrikanische Regierungen und ausländische Unternehmen machen sich das zunutze, um an Land zu kommen. Nicht selten vergibt der Staat Konzessionen zum Anbau von Agrokraftstoffen an Investoren ohne Zustimmung der ansässigen Bevölkerung.
Eine andere Form ist der Vertragsanbau (Outgrower Programmes), bei dem Bauern auf ihrem Land im Rahmen langfristiger Verträge mit Firmen Agrokraftstoff-Plantagen anlegen. Die Unternehmen liefern den Bauern auf Kredit die erforderlichen Technologien und Dienstleistungen. Nicht selten treiben Knebelverträge die Bauern in den Ruin und ebnen den Firmen den Weg, das Land zu übernehmen. Die internationale Bauernorganisation Via Campesina fürchtet, „dass Agrokraftstoffe das koloniale Plantagensystem wiederbeleben, Sklavenarbeit zurückbringen und den Einsatz von Agrochemie bedrohlich ansteigen lassen sowie zur Entwaldung und Zerstörung von Biodiversität beitragen werden“.
Großes Potenzial wird in Afrika der Gewinnung von Agrardiesel aus der Jatropha-Nuss zugeschrieben. Befürworter verweisen darauf, dass die ungenießbare Pflanze auch auf trockenen und schlechten Böden wächst und insofern nicht mit der Nahrungsmittelproduktion konkurriere. Allerdings lassen sich auf marginalen Standorten auch mit Jatropha kaum wirtschaftlich rentable Erträge erzielen, weshalb sie in vielen Fällen dann doch auf fruchtbaren Böden mit ausreichend Niederschlägen oder mit Bewässerung angebaut wird.
Projekte zum Anbau von Agrokraftstoffen gibt es in praktisch allen Ländern Afrikas, von den Trockengebieten bis zum immerfeuchten Regenwald, wobei zumeist genaue Untersuchungen und Daten fehlen:
In Tansania investieren die britische Firma Sun Biofuels, das deutsche Unternehmen Prokon und die niederländische Diligent Energy Systems in Jatropha-Plantagen von bis zu 20.000 Hektar. Zudem haben laut der lokalen Umweltorganisation Envirocare eine malaysische Unternehmensgruppe sowie ein britisch-amerikanisches Unternehmen und ein US-Investmentfonds mehr als 100.000 Hektar für die Palmölgewinnung gekauft.
In Uganda haben teilweise gewaltsame Proteste im vergangenen Jahr die Pläne zur Rodung des Mabira-Walds für die Ethanolproduktion vereitelt. In dem ökologisch und als Wassereinzugsgebiet wichtigen Wald wollte die Mehta Sugar Corporation, die einer asiatischen Einwandererfamilie gehört, eine Zuckerrohrplantage anlegen. Die Anlage von 10.000 Hektar Palmöl-Plantagen auf den Bugala-Inseln im Viktoriasee zur Biodieselproduktion durch zwei Unternehmen aus Kenia und Singapur wurde erst gestoppt, nachdem mehrere Tausend Hektar des geschützten Waldgebiets bereits gerodet waren.
In Äthiopien hat das Münchner Unternehmen Flora Ecopower 13.000 Hektar Land im Bundesstaat Oromia für Rizinus-Plantagen erhalten. Betroffen ist auch das Elefantenschutzgebiet von Babile.
Auch das nach dem Amazonasgebiet zweitgrößte Regenwaldgebiet der Erde in der Demokratischen Republik Kongo, die als künftige Supermacht für „grüne Energie“ gilt, ist von Agrosprit-Plantagen bedroht. Im Oktober 2007 unterzeichnete die chinesische Firma ZTE International einen Vertrag über eine Milliarde US-Dollar für den Anbau von Ölpalmen auf drei Millionen Hektar Urwaldland. Die spanische Firma Aurantia will in vier Ölmühlen investieren, für die weitere Tausende Hektar Ölpalm-Plantagen benötigt werden.
Es gibt in Afrika neben solchen Großprojekten auch kommunale Modellvorhaben internationaler Entwicklungshilfeorganisationen zur Produktion von Agrosprit, zum Beispiel für den Betrieb von Wasserpumpen und Stromgeneratoren. In Mali finanziert die dänische Organisation Folkecenter in der Ortschaft Garalo ein Projekt, das 10.0000 Menschen mit Strom versorgt. Die Bauern pflanzen auf 1000 Hektar Jatropha und pressen aus dem Samen unraffiniertes Öl, das drei Generatoren antreibt. Im Herbst 2007 nahm die niederländische Firma Mali Biocarburant die Agrardieselproduktion auf. In den kommenden fünf Jahren will sie für den malischen Markt insgesamt sechs Millionen Liter aus Jatropha-Nüssen pressen. Die malische Regierung hat Ende 2007 eine nationale Agrarsprit-Strategie vorgelegt, deren erklärtes Ziel es ist, das Land von Öl-Importen unabhängiger zu machen.
Die Bedeutung solcher Vorhaben ist aber angesichts der starken Zunahme industrieller Projekte marginal. Unterm Strich werden die afrikanischen Kleinbauern die Verlierer des Agrartreibstoff-Booms auf dem Kontinent sein. Im Oktober 2007 haben deshalb 38 Organisationen aus 13 Ländern (darunter neun afrikanischen) ein Moratorium für Agrokraftstoffe in Afrika gefordert.
Klaus Schenck
ist Diplom-Holzwirt und arbeitet für den Verein „Rettet den Regenwald“ in Berlin.
www.regenwald.org
