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Deutsche Kolonialgeschichte

Mechthild Leutner und Klaus Mühlhahn (Hg.)
Kolonialkrieg in China.
Die Niederschlagung der Boxerbewegung 1900-1901
Ch. Links Verlag, Berlin 2007,
270 Seiten, 24,90 Euro

Marianne Bechhaus-Gerst
Treu bis in den Tod.
Von Deutsch-Ostafrika nach Sachsenhausen – Eine Lebensgeschichte
Ch. Links Verlag, Berlin 2007,
206 Seiten, 24,90 Euro

Im Bewusstsein der meisten Deutschen gibt es keine „deutsche“ Kolonialgeschichte. Umso verdienstvoller ist es, dass der Ch. Links-Verlag seine Reihe „Schlaglichter der Kolonialgeschichte“ mit zwei neuen Bänden fortsetzt.

In „Kolonialkrieg in China“ beleuchten 16 internationale Autoren die unterschiedlichen Strömungen in China und im kaiserlichen Deutschland um 1900, die gemeinhin mit den Schlagworten Boxeraufstand und Hunnenrede verbunden werden. Das Zusammenspiel von Imperialismus, Kolonialismus und Mission auf der deutschen Seite und die innere, unter anderem durch eine Wirtschaftsrezession ausgelöste Krise auf der chinesischen Seite werden in kurzen, gut recherchierten und leicht lesbaren Beiträgen geschildert.

Die ersten befassen sich mit der Situation in China um 1900, den Strategien der europäischen Großmächte und der Einbindung der Mission in den westlichen Imperialismus. Im Anschluss werden die Boxerbewegung und der Boxerkrieg geschildert. Die Grausamkeit der europäischen Soldaten wird anhand von Feldpostbriefen anschaulich gemacht, die Diskussion in Deutschland spiegelt sich in den Beiträgen über die Reichstagsdebatte und die Rolle der Medien wider.

So wird ein kompliziertes Geflecht sichtbar. Es zeigt die Verunsicherung großer Teile der chinesischen Bevölkerung und den Widerstand gegen die europäischen Unterdrücker, der dann 1900 im Boxeraufstand mündete, ebenso wie die Überheblichkeit Deutschlands. Die Niederschlagung des Boxeraufstands durch ein multinationales Expeditionskorps unter deutscher Leitung war im Deutschland der damaligen Zeit ein großes Medienereignis.

Heute ist das aus dem kulturellen Gedächtnis Europas so gut wie verschwunden. Ganz anders in China, wie die Beiträge unter der Überschrift „Erinnerung“ zeigen. Das gibt diesem Band aktuelle Bedeutung: China ist wieder da. Die Handelsbeziehungen zwischen Europa und China – nicht nur in der Spielzeugindustrie – laufen auf Hochtouren, in Afrika verdrängt das Land die europäische Konkurrenz. Die westliche Industrie sieht in China einen unendlich großen Markt, die Finanz-, Energie- und Rohstoffmärkte erleben in China Wachstumsraten, von denen wir nur träumen können. Aber verstehen wir die Menschen in China? Den Europäern um 1900 war das in ihrem Überlegenheitsdünkel egal. Wissen wir, welche Geschichte heute noch in China virulent ist? Hier kann das vorliegende Buch ein klein wenig helfen, geschichtliche Zusammenhänge zu verstehen, die eigene Rolle zu überdenken und bei Analysen über das heutige China vorsichtiger zu werden.

Ganz anders geartet ist der zweite neue Band der Reihe. Schon in der Einführung „Von Deutsch-Ostafrika nach Sachsenhausen – Eine Lebensgeschichte“ bemerkt die Autorin, dass dieses Buch „fast ebenso viel über die Autorin (...) erzählt wie über die Personen, um die es eigentlich geht“. Sie will an der Lebensgeschichte eines Askari in deutschen Diensten die Gräuel des Kolonialkrieges in Deutsch-Ostafrika wie auch die Unmenschlichkeit nationalsozialistischer Rassenverfolgung, auch gegenüber Schwarzen, darstellen. Man erfährt dabei zwar viel vom (politisch korrekten) Standpunkt der Autorin, aber vieles andere bleibt im Reich der Spekulation. Wer sich über Kolonialgräuel in Deutsch-Ostafrika informieren will, ist besser bedient mit den drei hervorragenden Bänden der gleichen Reihe: „Kopfjagd – Deutsche in Ostafrika“, „Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika“ und „Kolonialheld für Kaiser und Führer. General Lettow-Vorbeck – Mythos und Wirklichkeit“.    


Gerd Riepe

welt-sichten 5-2008