Seite drucken        Seite schlie?en 

 

welt-sichten

welt-sichten bestellen

Suche

welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

Login

Login

Newsletter



Newsletter absenden

welt-sichten


Landreform wieder auf der Tagesordnung

Economic and Political Weekly (Mumbai, 10/2008): Indiens Wirtschaft weist zweistellige Wachstumsraten auf. Doch an der armen Bevölkerungsmehrheit auf dem Land scheint dieser anhaltende Aufschwung vorbeizugehen. Das Scheitern der Regierungspolitik, das darin zum Ausdruck kommt, ist nach Ansicht des Sozialwissenschaftlers D. Bandypopadhyay Ursache einer zunehmenden Gewaltbereitschaft unter Kleinbauern und Tagelöhnern: „Allmählich erkennt man, dass eine weitere Verschlechterung der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bedingungen für die ländlichen Armen ohne einen wirklichen Politikwechsel hin zu einer umfassenden Landreform weder aufgehalten noch umgekehrt werden kann.“

Der Autor erinnert daran, dass die Forderung nach einer gerechten Verteilung des Bodens zentraler Bestandteil des indischen Freiheitskampfes war. So habe eine radikale Landreform auch Eingang in das nach Erlangung der Unabhängigkeit vorgesehene Sofortprogramm gefunden und sei zentrales Element der folgenden Fünfjahrespläne geblieben.

Aber dann erreichte Indien „der Tsunami der Liberalisierung, der alle Fragen nach Fairness und Gerechtigkeit auf sozioökonomischem Gebiet ertränkte. Vorbei ist die Epoche der fünfziger und sechziger Jahre, als Gleichheit, Sozialismus und gesellschaftliche Kontrolle der produktiven Ressourcen im Sinne des Gemeinwohls Bestandteil der Denkprozesse der politischen Führer nahezu aller Länder waren.“

Die gesetzlichen Obergrenzen für den Besitz landwirtschaftlicher Flächen und die damit verbundenen staatlichen Eingriffe in den Markt seien nach 1991 von möglichen Investoren und großen Farmbesitzern als hinderlich für ihre Marktorientierung und als unvereinbar mit dem freien Kapitalverkehr im Agrarsektor angesehen worden. „Für viele Politiker war Landreform bedeutungslos und zu einem Anachronismus in Zeiten von Liberalisierung, Privatisierung und Globalisierung geworden.“

Um die wirtschaftliche Expansion der Großgrundbesitzer nicht zu beeinträchtigen und der politischen Unzufriedenheit unter den armen Bauern entgegenzuwirken, die verschiedentlich zu offenem Aufruhr führte, habe die Regierung mit finanzieller und technischer Unterstützung durch internationale Organisationen ein marktorientiertes Landreformprogramm aufgelegt, schreibt Bandypopadhyay. Doch auch wenn damit einigen wenigen Kleinbauern Zugang zu Land verschafft worden sei, sei es gescheitert. Denn zum einen sei auf freiwilliger Basis zu wenig Anbaufläche zur Verfügung gestellt worden, und zum anderen habe es die Bodenpreise zu Gunsten der Großgrundbesitzer in die Höhe getrieben.

Dennoch habe die inzwischen stärker als solche erkannte „Wechselbeziehung zwischen Armut, Ernährungssicherung und Zugang zu Ressourcen“ die Landreform wieder auf die nationale und internationale Tagesordnung gebracht, so der Sozialwissenschaftler. Mittlerweile sei nämlich hinreichend belegt, dass der Anbau kleinbäuerlicher Betriebe bezogen auf die Fläche deutlich höhere Erträge erbringe als Großbetriebe mit ihren Pächtern oder Landarbeitern. „Somit erfordern Gleichheit und Effizienz, dass die Obergrenzen drastisch auf fünf bis zehn Acres pro Familie gesenkt werden.“

Eine wirkliche Landreform beinhalte „die Entmachtung eines kleinen, einflussreichen Kreises zu Gunsten der vielen Menschen ohne Einfluss mittels einer staatlich durchgesetzten Übereignung landwirtschaftlicher Flächen von der ersten auf die zweite Gruppe. In einer demokratischen Gesellschaft kann dies ohne Blutvergießen, aber nicht ohne Tränen geschehen.“ Die universell geltende ethische Grundlage von Landreformen habe ein führender ghandianischer Aktivist des indischen Befreiungskampfes in dem Gebet zum Ausdruck gebracht: „Das Land gehört Gopal und alle seine Kinder haben gleichberechtigten Zugang zu seinen Erzeugnissen.“


Kredite und Beratung für Bauern

Für den künftigen Präsidenten von Paraguay, Fernando Lugo, ist eine Landreform ebenfalls „grundlegend und vordringlich“. In einem Interview mit Noticias Aliadas (Lima, 6/2008) erinnerte der frühere, im Vatikan wegen seiner Nähe zur Befreiungstheologie mit Vorbehalten betrachtete Bischof vor der Wahl daran, dass es in dem südamerikanischen Land rund 300.000 Landlose und unzählige unproduktive Plantagenbetriebe gibt. Er werde erstmals in der Geschichte des Landes ein Reformprogramm umsetzen, das sich nicht darauf beschränkt, Land zu verteilen. „In den zurückliegenden 20 Jahren wurden elf Millionen Hektar an Kleinbauern vergeben. Aber der Fehler dieses Programm lag darin, dass Land verteilt wurde, ohne die neuen Besitzer entsprechend zu beraten. Das ist weder eine Reform, noch ist es effizient oder durchgeplant. Eine Landreform muss einhergehen mit der Bereitstellung von Krediten und technischer Beratung, so dass sie wissen, was sie am besten anbauen und wie sie ihre Ernte verkaufen können.“    


Karl Otterbein

welt-sichten 5-2008