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„Mit Aufklärung könnten wir die Krankheitslast um die Hälfte verringern“

Die Kirchen spielen im Kongo eine wichtige Rolle im Gesundheitswesen

Gespräch mit Léon Ngoma M. Kintaudi

Die Demokratische Republik Kongo hat bereits vor mehr als 25 Jahren ein dezentrales System für die medizinische Grundversorgung eingerichtet. Der Bürgerkrieg von 1996 bis 2002 hat hier viele Erfolge zunichte gemacht. Beim Wiederaufbau des Gesundheitssystems arbeiten staatliche Stellen mit nichtstaatlichen Organisationen eng zusammen.

Was sind in der Demokratischen Republik Kongo die häufigsten Krankheiten?

Malaria, Atemwegserkrankungen und Durchfall kommen am häufigsten vor. Einige Krankheiten wie Tuberkulose und Flussblindheit, von denen wir eigentlich dachten, sie seien ausgerottet, treten seit einigen Jahren verstärkt wieder auf. Unterernährung ist ein besonders gravierendes Problem. Die Sterblichkeitsrate bei Kindern ist sehr hoch. Zudem sterben zwischen 16.000 und 24.000 Frauen jährlich bei der Geburt. Zwar zählt die Familienplanung zur medizinischen Grundversorgung, doch nur wenige Frauen akzeptieren Verhütungsmittel und wenden sie an. Im Durchschnitt hat eine Frau sieben Kinder.

Welche Gesundheitsdienste bieten die evangelischen Kirchen an?

Die evangelischen Kirchen unterhalten im Kongo 86 Krankenhäuser, etwa 600 Gesundheitszentren und tausende Gesundheitsstationen. Wir konzentrieren uns auf die medizinische Grundversorgung: Aufklärung, Vorbeugung und Behandlung. Wir verteilen beispielsweise Moskitonetze, um gegen Malaria vorzubeugen, und Medikamente gegen die Flussblindheit. Wir sorgen für sauberes Wasser, um die Menschen vor Infektionen zu schützen. Darüber hinaus bieten wir Schulungen für Krankenschwestern an. Gemeinsam mit der Limpopo-Universität in Südafrika bilden wir zudem Ärzte in Familienmedizin aus.

Wie arbeiten Sie mit dem Gesundheitsministerium zusammen?

Das kirchliche Engagement im Gesundheitswesen geht zurück auf die Zeit des belgischen Königs Leopold II. Er ermunterte die Kirchen, sich für Bildung und Gesundheit zu engagieren. Das Gesundheitssystem im Kongo ist sehr gut organisiert. Wenn man alles verwirklichen könnte, was auf dem Papier steht, wäre es perfekt. Das Land ist unterteilt in 515 Gesundheitszonen, die dem Gesundheitsministerium unterstehen. Für die medizinische Versorgung von jeweils rund hunderttausend Menschen stehen ein Krankenhaus und mehrere Gesundheitszentren zur Verfügung. Jede Zone wird von einem Team geleitet, mit dem kirchliche und andere nichtstaatliche Organisationen direkt zusammenarbeiten können. Die NGOs leisten technische und finanzielle Hilfen und bieten medizinische Basisdienstleistungen an. Die Kooperation  zwischen nichtstaatlichen Organisationen und dem Staat ist sehr eng. In der Hälfte der Gesundheitszonen sind evangelische und katholische Organisationen am Management beteiligt. Die Eglise du Christ au Congo betreut 152 Zonen. Während meiner Dienstzeit gab es keine Konflikte zwischen dem Staat und den NGOs. Wir arbeiten zusammen, um die zahlreichen und drängenden Probleme unseres Landes zu lösen. Wir ergänzen uns. Wir konkurrieren nicht miteinander.

Wie viel Geld gibt der Staat für das Gesundheitswesen aus?

Die Ausgaben für Gesundheit machen drei Prozent des Staatshaushaltes aus. Das Gesundheitsministerium ist auf Unterstützung aus anderen Quellen angewiesen. Die kirchlichen Organisationen, die mit ihren Schwesterkirchen in Europa und den USA in Kontakt stehen, sorgen für zusätzliche Mittel.

Wo ist die medizinische Versorgung zur Zeit am schwierigsten?

Das Gesamtbild ist noch immer eher düster. Ärzte leben und praktizieren vor allem in großen Städten wie Kinshasa, Matadi, Kisangani, Bukavu und Goma. Auf dem Land gibt es nur wenige Mediziner. Die Gesundheitsstationen werden von Krankenschwestern geleitet. In vielen Gesundheitszonen fehlen Geld und Personal. Kommunikation und Transport sind schwierig. Oft sind die Gesundheitszentren so weit von den Krankenhäusern entfernt und die Straßen so schlecht, dass Patienten bei der Verlegung sterben. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, bis das System funktioniert. Wir hoffen, dass der Friede und der politische Wille, das Gesundheitssystem  zu verbessern, in den nächsten Jahren anhalten.

Gibt es genug Medikamente?

Eine große Zahl von Medikamenten kann man überall kaufen. Das Problem ist, dass Patienten sie ohne Verschreibung einnehmen. Denn die Qualität und die Herkunft einzelner Arzneimittel sind höchst zweifelhaft. Man kann nie sicher sein, dass sie vorschriftsmäßig gelagert worden sind. Hinzu kommen problematische traditionelle Heilmittel und -methoden. An einigen Orten ist der Glaube daran sehr stark. Manche Menschen glauben zum Beispiel, dass sie durch Handauflegen von Aids geheilt werden können. Pflanzliche Heilmittel an sich sind nicht schlecht, aber sie müssen richtig angewendet werden. Die Dauer der Anwendung, die Qualität der Kräuter, die Mengen, all das muss dokumentiert werden.

Sie bilden auch junge Ärzte aus. Bleiben sie im Land, wenn sie mit dem Studium fertig sind?

Wie in vielen anderen afrikanischen Länder verlieren wir im Kongo viele gut ausgebildete Fachkräfte. Das ist eine Frage des Überlebens, vor allem für die jüngeren. Viele von ihnen gehen nach Südafrika, wo Ärzte viel mehr verdienen können. Aber wenn sich die Verhältnisse nur ein bisschen verbessern würden, kämen sie sicherlich zurück. 70 Prozent der Fachärzte für Familienmedizin, die wir in unserem Programm ausbilden, bleiben im Kongo. Das ermutigt mich.

Konnten Sie als kirchliche Organisation auch während des Bürgerkrieges arbeiten?

Es war erstaunlich, aber die Konfliktparteien zeigten Menschlichkeit und akzeptierten, das unsere Arbeit wichtig ist. Wir konnten ungehindert von einem Teil des Landes in den anderen reisen und beispielsweise Medikamente verteilen.

Was sind die dringendsten Aufgaben für die Zukunft?

Eine ist Aufklärung und Bildungsarbeit. Wir dürfen uns nicht darauf beschränken, unsere Krankenschwestern und Ärzte auszubilden, wir müssen die breite Bevölkerung erreichen. Wer versteht, wie Krankheiten wie Malaria entstehen, kann sich besser davor schützen. So könnten wir die Krankheitslast um die Hälfte reduzieren. Die Aufklärung über Infektionsrisiken sollte schon in den Schulen beginnen, Arbeiter sollten an ihren Arbeitsplätzen geschult werden. Wir sollten Radio- und Fernsehsender für die Aufklärung einsetzen.

Die Bekämpfung der Armut ist natürlich in Hinsicht auf Gesundheitsförderung die größte Aufgabe. Menschen leben in überbelegten Häusern, sie müssen auf dem Fußboden schlafen und haben nicht genug zu essen. All das schadet ihrer Gesundheit. Die Pläne und Strategien, das Gesundheitssystem im Kongo zu verbessern, liegen vor. Aber es fehlt das Geld, sie zu verwirklichen. Das Gesundheitsministerium braucht Hilfe, damit der Kongo die Millenniumsziele erreichen kann. Unser Land ist durch viele Krisen gegangen. Internationale Unterstützung ist für unsere Entwicklung lebenswichtig. Aber ich habe Hoffnung, weil das Bewusstsein dafür auf globaler Ebene vorhanden ist.

Das Gespräch führte Gesine Wolfinger.


Dr. Léon Ngoma M. Kintaudi
ist seit 1996 Direktor der Gesundheitsabteilung des Zusammenschlusses der Protestantischen Kirchen des Kongo (Eglise du Christ au Congo), der unter anderem vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) unterstützt wird.

welt-sichten 5-2008