Raubbau im „Schatzhaus des Westens“
China stillt in Tibet seinen Energiehunger
Von Klemens Ludwig
Die chinesische Regierung nutzt das Potenzial an Wasserkraft in Tibet, um den wachsenden Energiebedarf des Landes zu decken. Ohne Rücksicht auf die Umwelt und die Bevölkerung hat sie in den vergangenen Jahren Staudämme und Kraftwerke errichtet. Widerstand regt sich dagegen kaum.
Der jüngste Aufstand der Tibeter gegen die chinesische Besetzung hatte viele Gründe: Zur Bedrohung ihrer Kultur und dem Verlust politischer Rechte kam die wirtschaftliche Benachteiligung. Vordergründig liefern Erfolgsstatistiken den Gegenbeweis: Danach ist das Bruttoinlandsprodukt in der so genannten Autonomen Region Tibet im vergangenen Jahr um knapp 14 Prozent gestiegen und liegt bei 28 Milliarden Yuan (2,8 Milliarden Euro). Das Pro-Kopf-Einkommen betrug demnach jährlich 9340 Yuan (840 Euro), gut die Hälfte des Landesdurchschnitts. Zudem wurden 100.000 neue Arbeitsplätze geschaffen und die Arbeitslosenquote unter 4,5 Prozent gedrückt. Die meisten Tibeter haben jedoch den Eindruck, dass ihnen der Reichtum des Landes nicht zugute kommt.
Seit jeher wussten die Chinesen um die reichhaltigen Bodenschätze Tibets. Im kaiserlichen China hieß Tibet daher Xizang, „Schatzhaus des Westens“, und die Kommunistische Partei übernahm diesen Begriff. Eine verbesserte Infrastruktur mit Straßenverbindungen und einer Eisenbahnlinie macht es nun möglich, die Schätze zu bergen.
Besonders groß ist Tibets Energiereichtum. Das Land verfügt über ein Wasserkraftpotenzial von 250 Gigawatt, das größte weltweit. Auf dem tibetischen Hochplateau entspringen die zehn größten Flüsse Asiens, darunter der Yangtse, der Gelbe Fluss (Huanghe), der Ganges, der Brahmaputra, der Mekong, der Salween und der Indus. Sie versorgen etwa 47 Prozent der Weltbevölkerung mit Wasser. China, Indien, Bangladesch, Pakistan, Nepal, Birma, Thailand, Vietnam, Kambodscha und weitere kleine Staaten sind von ihnen abhängig. Zu den Flüssen kommen Dutzende von Seen, die ebenfalls für die Energiegewinnung genutzt werden.
In den 1980er Jahren begann die chinesische Regierung mit einem Entwicklungsprogramm für Tibet, das maßgeblich auf die Industrialisierung des Landes setzte. Der Bergbau wurde vorangetrieben, denn das Land besitzt große Vorkommen an Eisen, Kupfer, Gold und anderen Metallen. Sie waren bis dahin weitgehend unberührt geblieben, die Landwirtschaft bildete lange die ökonomische Basis des Gebietes. Auch sie wurde nun grundlegend umgestaltet und durch Bewässerungssysteme und Düngung intensiviert. Damit war die Grundlage für die Ansiedlung von Millionen chinesischer Siedler geschaffen.
Da Tibet keine nennenswerten Vorkommen an Erdöl und Kohle aufweist, wurden die Flüsse und Seen genutzt, um den Energiebedarf zu decken. Zwar entstand das erste Kraftwerk zur Stromerzeugung bereits Mitte der 1950er Jahre, doch die systematische Nutzung des hydroelektrischen Potenzials begann erst dreißig Jahre später. Bis auf den Salween und den Brahmaputra werden heute alle in Tibet entspringenden Flüsse mittels zahlreicher Stauseen und Kraftwerke für die Energieversorgung genutzt. Nach chinesischen Angaben gibt es allein in der Autonomen Region Tibet – die etwa die Hälfte des tibetischen Hochlandes umfasst – mehr als 500 große und kleine Kraftwerke. In ihren Bau wurden 8,8 Milliarden Yuan (880 Millionen Euro) investiert. Ihre Kapazität umfasst 500 Megawatt, sie liefern jährlich 1,2 Milliarden Kilowattstunden Strom.
Geografische Schwerpunkte sind Zentraltibet und die nordöstliche Provinz Amdo (chinesisch Qinghai). In Amdo entspringt der Gelbe Fluss, der sich nicht wie die meisten anderen Ströme nach Süden wendet, sondern den Norden Chinas mit Wasser versorgt. Schon in der frühen Kaiserzeit haben ihn die Chinesen intensiv für die Energiegewinnung sowie die Landwirtschaft genutzt. Heute gibt es an seinem Unterlauf sechs große Staudämme, doch da die hier erzeugte Energie nicht ausreicht, konzentrieren sich die chinesischen Entwicklungsplaner auf seinen Oberlauf im tibetischen Hochland. Dort sind in den vergangenen Jahren 13 neue Staudämme errichtet worden, die meisten unterhalb der Longyang-Schlucht. Sie tragen zur Versorgung der Großstädte Xining und Lanzhou bei. Bis 2009 soll der Fluss insgesamt 11,7 Gigawatt Strom liefern. Diese Leistung kommt an die des größten Wasserkraftwerks der Erde heran, des Drei-Schluchten-Staudamms am Mittellauf des Yangtse: Es hat eine Kapazität von 18,2 Gigawatt.
Unter den Kraftwerken an den zahlreichen Seen ist das am Yamdrok besonders umstritten. Der See gilt den Tibetern als heilig. Um sein Potential zu nutzen, haben chinesische Ingenieure das höchstgelegene Pumpspeicherwerk der Erde errichtet. Es besteht aus vier Generatoren und liefert 90.000 Kilowatt Strom, der in die 110 Kilometer entfernte und 800 m tiefer gelegene Hauptstadt Lhasa geliefert wird. In der tibetischen Hauptstadt sind inzwischen mehr als 80 Prozent der Bewohner Chinesen. Die meisten von ihnen haben sich in den vergangenen Jahren dort niedergelassen. Die Regierung in Peking fördert diese Entwicklung mit Subventionen und steuerlichen Anreizen, denn dadurch werden die widerspenstigen Tibeter zur Minderheit im eigenen Land.
Der Pegel des Yamdrok sinkt kontinuierlich und Umweltschützer befürchten, dass er mit der Zeit völlig austrocknen wird. Auch die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Staudämme sind laut offiziellen chinesischen Studien verheerend. Professor Zhou Tianyong von der Zentralen Parteischule in Peking hat die Auswirkungen auf die Bevölkerung am Oberlauf des Gelben Flusses in Amdo untersucht. „Die Regierung versprach, dass die Dämme die Entwicklung in der Gegend fördern würden, doch das Resultat von so vielen Jahren angeblicher Entwicklung ist sehr enttäuschend“, resümiert Zhou. Nach seinen Angaben hatten die überwiegend tibetischen Bewohner der Gegend im Jahr 2004 pro Kopf ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 1772 Yuan (177 Euro), etwa ein Siebtel des nationalen Durchschnitts. Wegen des Verlustes von Land und Straßen infolge der Staudämme seien viele inzwischen noch ärmer geworden. Ein Fünftel lebe mit einem jährlichen Einkommen von 625 Yuan oder weniger in „absoluter Armut“.
Viele Menschen in der Nähe der Staudämme haben nicht einmal Zugang zu dem gestauten Wasser oder dem erzeugten Strom. Ihren Bedarf an Trinkwasser decken sie mit Regenwasser. Die Hochspannungsleitungen verlaufen direkt über ihre Dörfer hinweg in die größeren Zentren. Außerdem werden häufig Ortsansässige umgesiedelt – nicht nur beim Bau der Staudämme, sondern auch bei der Erweiterung eines Projektes oder wenn sich der Wasserstand verändert. Für den Bau der Dämme werden zudem Bäume abgeholzt. Das führt zur Erosion des Bodens. Sie wirkt sich bis in das chinesische Tiefland aus, wie die verheerenden Überschwemmungen am Mittellauf des Yangtse 1998 drastisch gezeigt haben.
Dennoch treibt die chinesische Regierung gegenwärtig die Erschließung der beiden letzten in ihrem Oberlauf unberührten Flusse Salween und Brahmaputra voran. In Tibet heißt der Salween Gyalmo Ngulchu. Dort sollen ebenfalls 13 Staudämme für die hydroelektrische Nutzung errichtet werden, der erste in Songta, dem nördlichsten der geplanten Kraftwerke. Für vier weitere in Maji, Yubiluo, Liuku und Saige haben die Bauarbeiten ebenfalls begonnen. Zwar hat die staatliche Behörde für Umweltschutz eine Umweltverträglichkeitsstudie für das Projekt erstellt, doch sie wurde der Öffentlichkeit nie zugänglich gemacht.
Noch gigantischer und umstrittener sind die Pläne am Brahmaputra, tibetisch Tsangpo. Der Fluss durchquert Tibet von West nach Ost und bildet die Lebensader des Landes. Nördlich des indischen Bundesstaates Assam wendet er sich in einem Winkel von 90 Grad dem indischen Subkontinent zu. In dieser Schleife, mit der er einen Höhenunterschied von über 3000 Metern bewältigt, sehen chinesische Wissenschaftler das größte hydroelektrische Potenzial der Welt. Die Kapazitäten liegen mit 70 Gigawatt noch weit über denen des Drei-Schluchten-Staudamms.
Damit könnte China die Wasserversorgung in Bangladesch und den östlichen Bundesstaaten Indiens kontrollieren. Erstmals regt sich deshalb auch Widerstand über die Grenzen von Tibet und China hinaus. Die meisten Nachbarstaaten wagen es nicht, die selbstbewusste asiatische Großmacht zu kritisieren, von der sie wirtschaftlich abhängig sind. Doch nun haben Umweltschutzgruppen in Bangladesch und Indien bereits mehrfach gegenüber ihren nationalen Regierungen Besorgnis über die hydroelektrischen Großprojekte zum Ausdruck gebracht und sie aufgefordert, in Peking gegen den Bau zu intervenieren.
2004 meldete sich erstmals eine offizielle Stimme: Das Wasserhaushalts-Ministerium des indischen Bundesstaats Assam äußerte schwerwiegende Vorbehalte gegen die Dämme und Kraftwerke. Doch die Eingabe blieb ohne Resonanz, weil sich die Zentralregierung in Neu-Delhi zurückhielt. Unter dem Einfluss mächtiger Wirtschaftskreise möchte sie lieber mit den Chinesen ins Geschäft kommen. Das indische Energieministerium will gemeinsam mit der Power Grid Corporation of India Ltd. Strom aus den Kraftwerken beziehen, die im tibetischen Hochland entlang des Tsangpo/Brahmaputra gebaut werden sollen.
Diese Pläne lassen allerdings völlig außer Acht, dass die Süßwasserquellen Tibets nicht unerschöpflich sind. Tibet ist eine aride Region, die Verdunstung überschreitet die Niederschläge. Die Flüsse speisen sich aus dem Schmelzwasser der schneebedeckten Berge oder der Gletscher. Wenn diese weiter im heutigen Ausmaß zurückgehen, könnten die Flüsse in drei bis vier Jahrzehnten ausgetrocknet sein.
Klemens Ludwig
ist freier Journalist in Tübingen mit dem Spezialgebiet Asien. Er hat vor kurzem eine Biografie über den Dalai Lama veröffentlicht.
Fehlförderung für die Wasserkraft
Die Umweltorganisation International Rivers hat die Förderung von Wasserkraftwerken im Rahmen des Clean Development Mechanism (CDM) kritisiert. Die Mehrzahl solcher Kraftwerke, für die eine Registrierung unter dem CDM beantragt werde, erfüllten das Kriterium der Additionalität nicht, heißt es in einer Studie vom November 2007.
Unter dem CDM können Industrieländer ihre Pflicht zur Verminderung des Treibhausgas-Ausstoßes teilweise in Entwicklungsländern erfüllen. Eine Voraussetzung dafür ist aber, dass die dortige Emissionseinsparung „zusätzlich“ (additional) ist, also ohne die Investition unter dem CDM-Projekt nicht eintreten würde. Dies trifft laut International Rivers auf die wenigsten Wasserkraftprojekte zu.
Vor allem gegen China erhebt die Organisation Vorwürfe. Die Volksrepublik habe für fast alle ihre Wasserkraftwerke und Staudämme eine Registrierung beim CDM beantragt, obwohl die längst im Bau seien oder bereits kurz vor der Vollendung stünden. Wenn für solche Projekte Zertifikate über Emissionsminderungen ausgestellt und an ein Industrieland verkauft würden, führe das zu einer Erhöhung des globalen Treibhausgasausstoßes.
Die Zahl der Wasserkraftwerke im CDM nimmt laut der Studie ständig zu und lag im November 2007 bei 654. Die Umweltorganisation bemängelt vor allem das Fehlen verbindlicher Kriterien, um die Additionalität eines Projektes zu überprüfen. Hier müsse so schnell wie möglich nachgebessert werden. Bei der Registrierung von Wasserkraftwerken und Staudämmen müssten die sozialen und ökologischen Standards der World Commission on Dams berücksichtigt werden, um Schäden für die Bevölkerung und die Umwelt so gering wie möglich zu halten. „Derzeit fördert der CDM blind die Zerstörung von Flüssen“, so das Fazit von International Rivers.
(gwo)
