Satte Ernten für durstige Motoren
Wolfgang Hees, Oliver Müller,Matthias Schüth (Hg.)
Volle Tanks – leere Teller.
Der Preis der Agrokraftstoffe: Hunger, Vertreibung, Umweltzerstörung
Lambertus Verlag, Freiburg 2007,
192 Seiten, 25 Euro
Aus Raps, Soja, Jatropha, Rizinus und Ölpalme sowie aus Mais, Zuckerrohr und Rüben werden die so genannten Agrartreibstoffe gewonnen. Sie werden oft Biodiesel und Bioethanol genannt, aber die Vorsilbe täuscht. Zwar wachsen die Pflanzen nach, die Energiequelle ist damit „erneuerbar“. Dennoch verbirgt sich hinter dem Anbau ein ökologisches und vor allem ein soziales Drama.
Die teils verheerenden Auswirkungen haben Caritas international veranlasst, das Buch „Volle Tanks – leere Teller“ herauszugeben. Es handelt von den verheerenden Bedingungen beim Anbau von Energiepflanzen, die längst aus der Öko-Nische herausgewachsen und bei Politikern sowie bei Entwicklungsstrategen in den Ministerien vieler armer Länder zum Trendkraftstoff avanciert sind. Weltweit werden Pflanzen angebaut, dank derer sich die Länder im Süden wie im Norden eine größere Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern erhoffen.
In den vergangenen Jahren haben Umwelt- und Entwicklungsorganisationen wiederholt einen Konkurrenzkampf zwischen dem Luxus-Energiehunger des Nordens und dem Hunger von weltweit über 850 Millionen Menschen prophezeit. In dem Buch reihen sich die beunruhigenden Einzelbeispiele, ergänzt durch eigene gut recherchierte Fälle, zu einer tragischen Kette. Offensichtlich, so das einzig mögliche Fazit, haben die Einzelmeldungen nicht übertrieben: Die Agrokraftstoffe bescheren vielen Menschen im Süden leere Mägen.
Die Beiträge aus allen Kontinenten sind faktenreich, gut recherchiert und vielfältig in der Auswahl der Beispiele. Neben der weithin kritisch bewerteten Plantagenwirtschaft beschreiben sie nicht minder problematische Kleinprojekte mit Vertragslandwirten, die an der Subsistenzgrenze leben. Kurzinformationen schaffen einen guten Überblick unter anderem über Energiebilanzen, Investitionsabkommen, Ernährungskrisen, die Rolle der Subventionen und politischen Rahmenwerke sowie über Artensterben und Gewinnmargen.
In alarmierendem Ton schreiben die Autoren über Landvertreibungen und die Rekrutierung von Landarbeitern unter sklavenähnlichen Bedingungen, sie berechnen die steigenden Preise von Mais und Palmöl infolge des proklamierten Kraftstoffbedarfs. Eine andere Rechnung belegt, wie die Kohlendioxidbelastung, die das Abbrennen von Regenwäldern zur Anlage neuer Plantagen verursacht, jedes klimapolitische Ziel ad absurdum führt. Weit davon entfernt, klimaneutral zu sein, belasten insbesondere Palmölplantagen die Atmosphäre mit Milliarden von Tonnen des Klimagases.
Immer geht es den Autoren darum, wer sich welche Gewinne aus dem Boom der Agrotreibstoffe erhofft und wer die Verlierer sind. Wie immer macht die Politik Vorgaben, die der Privatwirtschaft entgegenkommen: Die Beimischungspflicht und Steuerbefreiung in Europa und den USA befördern Investitionen von Öl- und Saatgutunternehmen. Auch das von den Investoren vorgebrachte Argument der Schaffung von Arbeitsplätzen und Einkommen ist kaum haltbar. Die Agroindustrie schafft nicht nur Arbeitsplätze – zum Beispiel für Zuckerrohrschneider –, sie vernichtet auch Einkommensmöglichkeiten: Während in der arbeitsintensiven Subsistenz-Landwirtschaft bis zu 35 Personen auf einer Fläche von 100 Hektar wirtschaften, sind es auf Zuckerrohr- und Palmölplantagen rund zehn.
Martina Backes
